Freitag, 6. Mai 2016

Spaß an eigenwilligen Drehungen und intelligenten Scherzen. Gilbert Keith Chesterton begeistert in seinen Erzählungen mit einer paradoxen Verteidigung der Moral

"Wir brauchen mehr Diebstahl, Wohnungseinbrüche und Straßenräuberei", sagt der "ekstatische Dieb", "um die Möbel der Gesellschaft auszuwechseln und umzuarrangieren, um das Mobiliar beziehungsweise das bewegliche Hab und Gut neu zusammenzustellen". Und das macht er dann auch: Alan Nadoway bricht in drei Häuser ein, aber was er mitnimmt oder zurücklässt, wird nicht ganz klar. Dann verlegt er sich auf den Taschendiebstahl. Und auch da verhält er sich nicht so, wie es sich für einen Verbrecher gehört, und auch die "Beraubten" benehmen sich seltsam: Der erste, dem er die Hand in die Tasche steckt, verschwindet und ward nie wieder gesehen. Der zweite bemerkt, was passiert, schlägt dem "Taschendieb" auf den Kopf und geht in einen Pub, wo er seinen Freunden einen ausgibt. Der dritte, ein Musiker, hatte nach dem "Diebstahl" mehr Geld als vorher.

Chesterton

Der englische Autor Gilbert Keith Chesterton liebte das Paradox. So sehr, dass er sogar eine "Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromans und anderer missachteter Dinge" schrieb. Auch in seinen Romanen geht es zwar logisch zu (immerhin sind es oft Kriminalgeschichten), aber nicht so, wie der normale Verstand will: Bei Chesterton geht es oft um die Ecke. So wie in seinen jetzt auf deutsch erschienen Stories "Vier verehrungswürdige Verbrecher", in der vier Männer ihre Geschichte erzählen: der "moderate Mörder", der "aufrichtige Quacksalber", der "ekstatische Dieb" und der "loyale Verräter". Und so wie der Dieb nur scheinbar ein Dieb ist, ist auch der Mörder keiner: Er schoss auf den Gouverneur, um ihn vor einem Mord und einem Staatsstreich zu bewahren und ihm durch die Verwundung die Zeit und die Gelegenheit zu geben, sich wieder auf die wahren moralischen Werte zu besinnen.) Und auch die anderen Verbrecher werden nur Verbrecher, um ein Verbrechen zu verhindern.

Die vier Erzählungen, lose durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten, sind in ihrer mäandernden Stringenz sehr pfiffig aufgebaut, die überraschenden Wendungen sind nicht vorhersehbar, und erst am Schluss wird das ganze Ausmaß der Täuschungen und Selbsttäuschungen sichtbar. Dabei sind Chestertons Personen sofort lebendig, sie sind fein und direkt gezeichnet, die Dialoge haben oft einen subtilen Humor, und die Atmosphäre wird in rhythmischen, bildhaften, bunten Worten wiedergegeben.

Die Vielschichtigkeit dieser zutiefst philosophischen Erzählungen und die theologischen Implikationen (denn in Chestertons Sinn tarnte sich auch Jesus als Verbrecher, um Gutes zu tun) muss man aber nicht bemerken, um seine Freude am Erfindungsreichtum, am Humor und der Phantasterei zu haben, seinen Spaß an den eigenwilligen Drehungen und intelligenten Scherzen und an den skurrilen Personen, wie Alan, der während eines Einbruchs überrascht wird und erst einmal über Chaucer und "die Tapferkeit der englischen Lady" redet. Über 100 Bücher hat Chesterton geschrieben, irgendwann wird es mal Zeit für eine Gesamtausgabe, damit man diesen Autor in seiner ganzen Fülle entdecken kann.

Gilbert Keith Chesterton: Vier verehrungswürdige Verbrecher. Übersetzt von Boris Greff und Matthias Marx. Verlag Andere Bibliothek. 348 S., 42 Euro

Donnerstag, 31. März 2016

Probleme mit Zettels Traum. Martin Schults Debütroman enttäuscht

Es war nie einfach, ein Teenager zu sein. Oder, als 12-Jähriger, fast einer, wie Paul. Schon gar nicht, wenn die Eltern dabei sind, sich zu trennen, weil der Vater, ein Frankfurter Friseur, sich nur für Fußball interessiert (immerhin hat er Jürgen Grabowski schon einmal die Haare geschnitten) und für ein dickes Buch, das sein Vater ihm vererbt hat: "Zettels Traum" von Arno Schmidt. 1334 Seiten im Großformat. Aus dem er immer wieder, halb murmelnd zitiert: "wer nich arbeitet, soll auch nich trinken; und=umgekehrt!" zum Beispiel.

Schult

Ständig gibt es Streit in der Familie, einmal prügeln sich die Eltern sogar, bis der Gummibaum auf Pauls Mutter fiel und sie in Ohnmacht. Da geht es um den Flokati, jenen dickfelligen Teppich der 70-er Jahre, der einmal in der Woche geputzt werden musste, und der Vater sich mal weigerte und einfach weiterlas. Und sie ihm das Buch aus der Hand riss und vom Balkon auf die Straße warf.

Martin Schult erzählt Pauls Geschichte, die 1974 spielt, dem Jahr, als die deutsche Fußballmannschaft zum zweiten Mal Weltmeister wurde. Seine Mutter macht manchmal geheimnisvolle Ausflüge mit dem linksradikalen Taxifahrer Bruder Kolja, seine Schwester spricht oft nur in Abkürzungen - die der Autor glücklicherweise in Anmerkungen auflöst. Sein bester Freund ist das Contergankind Boris, der beim Fußballspielen im Tor steht, und in seinem Haus wohnt außer der alten Frau Schellack noch Familie Bartoldy, dessen erwachsener Sohn alles sammelt, was die anderen Menschen verlieren, dokumentiert und katalogisiert und mit seiner Schildkröte spazierengeht - das größte Problem ist, dass er noch keinen Namen für sie gefunden hat.

Paul lebt mit im Fußball- und Arno-Schmidt-Fieber seines Vaters, verliebt sich in die Tochter des Pizzeriabesitzers, die dann auch noch in seine Klasse kommt, und als die Schüler über die Ferien ein Buch lesen sollen, entscheidet er sich für "Zettels Traum" - aber da er das nur heimlich machen kann, passieren ihm allerlei Missgeschicke, so zertrümmert er aus Versehen das Regal, auf dem das Buch ganz oben liegt, und den Fernsehapparat. Dann stirbt Frau Schellack, und Paul denkt, er sei schuld daran. Und als ihm alles zu viel wird, haut Paul ab, versteckt sich im Keller des Hauses und schreibt in ein Schulheft Briefe an seine Lehrerin. Dort wird er aus Versehen eingeschlossen und stirbt beinah.

Es gibt viele durchaus interessante Passagen, wie die Szene mit dem Regentanz, den Pauls Vater mit ihm auf dem Monte Scherbelino bei Frankfurt vorführt, damit die deutsche gegen die polnische Mannschaft gewinnen kann. Der Roman hat durchaus auch Witz, einmal gibt es sogar ein Schmidt-Zitat, ohne dass es ausgewiesen ist: "WIEH", sagt seine Schwester einmal: "Wie ich euch hasse", eine Anspielung auf ein Radioessay von Schmidt. Aber insgesamt ist der Roman eher uninspiriert und mit allzu vielen Einzelheiten versehen, die Geschichte mäandert hin und her, die Perspektive eines zwölfjährigen Ich-Erzählers und seine Sprache passen nicht zueinander, manche Einzelheiten stimmen nicht, und "Zettels Traum" spielt bei weitem nicht die Rolle, die der Untertitel glauben machen will.

Einige der Ungeschicklichkeiten, Ungenauigkeiten, falschen Töne: Paul versteht nicht, wer diese ominöse Wilma ist, von der sein Vater immer mal wieder redet, obwohl er doch weiß, dass sein Vater aus dem Buch zitiert. Paul redet seine Lehrerin in seinen Briefen manchmal mit "Hallo, Frau Ludwig" an - das gab es 1974 noch nicht. Paul ist zu klein, um an das oberste Regalbrett zu kommen, er muss hochklettern und schafft es nicht wieder herunter. Und er ist zu schwach, um das Buch herunterzuholen, aber er ist stark genug, den Sessel und den Schreibmaschinentisch seines Großvaters heimlich in den Keller zu schleppen. Als er selbst in "Zettels Traum" geblättert hat, fällt er für ein, zwei Seiten in einen Schmidtschen Pseudostil, wenn er den Taxifahrer reden lässt, schreibt er alles klein - man weiß nicht recht, was das soll. Als die Mutter "Zettels Traum" vom Balkon auf die Straße wirft, übersteht es unbeschadet den Fall, aber als es vom Regal fällt, ist es kaputt. Mitten im Text stehen Überschriften, die ein Zwölfjähriger in einem Brief an die Lehrerin wohl kaum schreiben würde - da hat sich der Autor beim Erzähler eingemischt.

Martin Schult: Flokati oder Mein Sommer mit Schmidt.
Roman.
Ullstein Verlag, 224 S., 18 Euro

Dienstag, 22. März 2016

Ein Liebeszauber für die Eltern. Emanuel Bergmanns Debütroman erzählt von den Tricks der Magie und den Wundern des Lebens

Joey aus der Klasse 4 A hat Max gewarnt: "Sie werden mit dir essen gehen und dich fragen, worauf du Lust hast", und Joey bat Max, nicht den gleichen Fehler wie er zu machen: "Ich hab gesagt: Pizza." Und dann sind sie zu Mickey's Pizza Palace gegangen und haben ihm beim Essen gesagt, dass sie sich scheiden lassen. Und seitdem mag Joey keine Pizza mehr.

Bergmann

"Max war überzeugt, dass seine Eltern so etwas niemals tun würden. Sie liebten ihn, sie liebten einander. Und das war's." Aber dann fragt sein Vater ihn, ob er mit ihnen essen gehen will: "Wo du willst". Und er sagt zum Erstaunen seiner Eltern: Sushi. "Es war ihm völlig egal, ob er jemals wieder rohen Fisch essen würde." Er isst Thunfisch, Schwertfisch und Seeigeleier, obwohl die nicht koscher sind. Und dann sagen ihm seine Eltern, "dass sie ihn sehr, sehr lieb hätten und dass sich für ihn absolut nichts verändern würde." Und er sagt sich immer und immer wieder: "Pizza, wenigstes Pizza bleibt mir noch". Immerhin, nun ist auch er ein Star in der Klasse, die Mädchen nehmen ihn in den Arm: "Von nun an war er ein Mann. Die Scheidung deiner Eltern, das wusste Max jetzt, war deine wahre Bar-Mizwa."

Als sein Vater dann auszieht, weil sich natürlich doch einiges veränderte, findet er eine alte Schallplatte von einem Zauberer, dem "Großen Zabbatini", auf der er mit schrägem Akzent am Schluss einen Liebeszauber verspricht. Dummerweise hat die Platte genau da einen Sprung. Max denkt, genau das bräuchte er: einen Liebeszauber, mit dem er seine Eltern wieder zusammenbringen könnte. Und so macht er sich auf den Weg, diesen Zauberer zu finden. Es passiert ein kleines Wunder: Er findet ihn in einem Altersheim. Aber der Große Zabbatini, alt und müde und verbittert geworden, will sich grade das Leben nehmen. Ist mürrisch, egoistisch und oft alkoholisiert.

Auf zwei Ebenen spielt der Debütroman von Emanuel Bergmann: Da ist die Geschichte des zehnjährigen Max Cohn, der unter der Trennung seiner Eltern leidet und jetzt auf die Magie hofft. Und die Geschichte von Mosche Goldenberg, der als 15-Jähriger von zu Hause wegrennt und sich einem Zirkus anschließt. In diesem Leben reiht sich Wunder an Wunder, schon seine Empfängnis war eines, denn sein Vater, Laibl Goldenhirsch, ein Rabbiner, war zu der Zeit im Krieg. Und seine Mutter Rifka musste in der Zeit ihren Nachbarn, den Schlosser Mosche trösten, dessen Frau ihn verlassen hatte. Laibl überlegte: "Was war es noch gleich, woran die Gojim glaubten? Was hatte die vermeintliche Jungfrau Maria zu ihrem Joseph gesagt?" Ein Wunder also, eine unbefleckte Empfängnis. Und nach vielem Überlegen entschloss sich auch Laibl, daran zu glauben. Immerhin war es ein Sohn, das einzige Kind.

Als Rifka ein paar Jahre danach stirbt, reißt Mosche Goldenberg aus. Mosche der Schlosser hatte ihn in den Zirkus mitgenommen, und Mosche erlebte dort das Wunder der Liebe, mit Julia, der Assistentin eines Zauberers. Denn, das nächste Wunder: Sie erhört ihn. Gemeinsam reisen sie durch Österreich und Deutschland, der Zauberer bringt ihm seine Zaubertricks bei. Dass er Jude ist, interessiert ihn nicht: „Wir sind hier beim Zirkus. Wir sind alle gleich. Im Theater ist jeder ein Edelmann Wir sind Künstler, und es gibt nichts Edleres als die Kunst.“ Und macht ihn, da es 1934 doch sicherer ist, zu einem Prinzen aus Persien. Denn, wie der Zauberer erklärt, die Nazis "halten sich für die Nachkommen der arischen Stämme. Aus Persien." Er nennt ihn Zabbatini: "Wie der Sabbat, nur mit einem 'ini' am Ende und einem 'Z' am Anfang. Nicht schlecht, was?"

Der Roman, der zwischen den dreißiger und vierziger Jahren in Berlin und 2007 in Los Angeles hin und her springt, erzählt auch das Wunder, wie Goldenberg die Nazizeit überlebt, wie er in Hannover dem Nazikommissar Erich Leitner durch seine übersinnlichen Fähigkeiten, die er vortäuscht, "hilft", einen Serienmörder zu finden, und wie er, berühmt geworden, einmal sogar Hitler trifft, der von ihm die Zukunft vorhergesagt haben will. Und er sagt: "Ihr Name wird niemals in Vergessenheit geraten, mein Führer."

Natürlich wird auch Mosche verraten. Wird nach Theresienstadt verschleppt, wo er dem Lagerkommandanten seine Zaubertricks verraten muss. Der war ein Fan von ihm und "sah sich gern in der Rolle eines Kunstmäzen", weil er so viele Künstler in seinem Lager hatte. Als Mosche ihm keine Tricks mehr beibringen kann, kommt er nach Auschwitz. Und da gelingt ihm der größte aller Tricks: Er rettet einem kleinen Mädchen durch einen Zaubertrick noch an der Rampe das Leben.

"Der Trick" ist voller humorvoller und düsterer Stellen, er ist manchmal grob und oft feinfühlig geschrieben, melancholisch und fast gänzlich frei von Kitsch. Er ist eine wunderbare Geschichte mit Tiefgang, originell, mit überraschenden Wendungen und anrührend, dabei immer gut lesbar und unterhaltsam - ein echter Diogenes-Roman. Und er schreit geradezu nach Verfilmung.

Emanuel Bergmann: Der Trick. Roman. Diogenes Verlag, 400 S., 22 Euro

Donnerstag, 17. März 2016

Mein Meister sagt:

"Der kleine Energiekreislauf ist wie Hula-hup, nur vertikal."

Samstag, 12. März 2016

Lauter erste Sätze.

"One night some twenty years ago, during a siege of mumps in our enormous family, my youngest sister, Franny, was moved, crib and all, into the ostensibly germ-free room I shared with my eldest brother, Seymour. I was fiftenn, Seymour was seventeen. Along about two in the morning, the new roommate's crying wakened me. I lay in a still, neutral position for a few minutes, listening to the racket till I heard, or felt, Seymour stir in the bed next to mine. In those days, we kept a flashlight on the night table between us, for emergencies that, as far as I remember, never arose. Seymour turned it on and got out of bed. "The bottle's on the stove, Mother said," I told him. "I gave it to her a little while ago," Seymour said. "She isn't hungry." He went over in the dark to the bookcase and beamed the flashlight slowly back and forth along the stacks. I sat up in bed. "What are you going to do?" I said. "I thought maybe I'd read something to her," Seymour said, and took down a book. "She's ten months old, for God's sake," I siad. "I know," Seymour said. "They have ears. They can hear."

Jerome D. Salinger, Raise High the Roof Beam, Carpenters

Er las ihr eine daoistische Geschichte vor, über Po Lu, der einem Herzog ein Pferd aussuchen sollte.

Freitag, 11. März 2016

Lauter erste Sätze.

"He sat, in defiance of municipal orders, astride the gun Zam Zammah on her brick platform opposite the old Ajaib-Gher - the Wonder House, as the natives call the Lahore Museum. Who hold Zam-Zammah, that 'fire-breathing dragon', hold the Punjab, for the great green-bronze piece is always first of the conqueror's loot.

There was some justification for Kim - he had kicked Lala Dinanath's boy off the trunnions - since the English held the Punjab and Kim was English. Though he was burned black as any native; though he spoke the vernacular by preference, and his mother-tongue in a clipped uncertain sing-song; though he consorted on terms of perfect equality with the small boys of the bazar; Kim was white - a poor white of the very poorest. The half-caste woman who looked after him (she smoked opium, and pretended to keep a second-hand furniture shop by the square where the cheap cabs wait) told the missionaries that she was Kim's mother's sister; but his mother had been nursemaid in a Colonel's family and had married Kimball O'Hara, a young colour- sergeant of the Mavericks, an Irish regiment. He afterwards took a post on the Sind, Punjab, and Delhi Railway, and his Regiment went home without him. The wife died of cholera in Ferozepore, and O'Hara fell to drink and loafing up and down the line with the keen-eyed three-year-old baby. Societies and chaplains, anxious for the child, tried to catch him, but O'Hara drifted away, till he came across the woman who took opium and learned the taste from her, and died as poor whites die in India."

Rudyard Kipling, Kim

Donnerstag, 10. März 2016

Lauter erste Sätze.

"Der Buchtrödler Eckenpenn lehnte an seinem Wagen, ein fliegender Handel, der seit zwei Jahrzehnten an derselben Stelle hielt - zwischen einem Kanalräumerloch und einem ewig ausgesprungenen Stück Asphalt, drei Schritte links vor dem Eingang zu einer Kunsthandlung, zehn Schritte rechts von einem Torweg.

Die Wahl dieses Platzes war das Ergebnis der letzten selbständigen Intelligenzanwendung Eckenpenns. Seit jenem Tage hatte er beschlossen, den Geist als freien Beruf aufzugeben, das aktive Denken in die Reserve der Träume zu entlassen und von dem abgelegten Geist anderer zu leben."

Paul Gurk, Berlin

Mittwoch, 9. März 2016

Lauter erste Sätze.

"10. Dezember.

Das Jahr rast seinem Ende zu. Ich hasse den Dezember. In diesem Monat wird endgültig klar, dass man das ganze Jahr über nichts errreicht hat.

Miriam stand auf Platz eins meiner Neujahrswünsche letztes Jahr. Und was ist draus geworden? :(

Sie hat mich dazu gebracht, Facebook beizutreten. Ich fürchte, sie will mich loswerden. Damit ich sie nicht per Mail belästige. 'Man sieht sich auf Facebook!', schreibt sie. Was ist das für ein Spruch?

Vorteil von Facebook ist natürlich, dass ich sehen kann, was sie den ganzen Tag treibt. Daran hat Madame nicht gedacht. Ich bin jetzt dichter an ihr dran als jemals zuvor."

Christiane Geldmacher, Love@Miriam

Einer der besten Krimis, die ich je gelesen habe. Flott, witzig, ironisch, absolut treffende Personenbeschreibungen, grandiose Dialoge, schöne Perspektive. Benutzt die moderne Technik für eine stringente Geschichte. Freu mich schon auf die Fortsetzung. Wann kommt die, Christiane?

Dienstag, 8. März 2016

Lauter erste Sätze.

"Literaturbeilage: Herr Haas, ich habe lange hin und her überlegt, wo ich anfangen soll.
Wolf Haas: Ja, ich auch.
Literaturbeilage: Im Gegensatz zu Ihnen möchte ich nicht mit dem Ende beginnen, sondern -
Wolf Haas: Mit dem Ende beginne ich streng genommen ja auch nicht. Sondern mit dem ersten Kuss.
Literaturbeilage: Aber es ist doch ürgendwie das Ergebnis der Geschichte, die Sie erzählen. Oder meinetwegen der Zielpunkt, auf den alles zusteuert.
(...)
Literaturbeilage: Ich hab mich beim Lesen auch mal kurz gefragt, ob der vorgezogene Schluss vielleicht eine Art Kampfansage an die Rezensenten ist.
Wolf Haas: So weit kammert's no!"

Wolf Haas, Das Wetter vor 15 Jahren

Die Erfindung eines neuen Genres. Gran-di-os.

Lauter erste Sätze.

"Christie Malry war ein einfacher Mensch.

Er hatte rasch begriffen, daß ihm kein Geld in die Wiege gelegt worden war; daß er es sich deshlab nach besten Kärften selbst beschaffen mußte; daß unerfreuliche (und für ihn nicht akzeptable) Strafen darauf standen, wenn man es sich auf jene Methoden beschaffte, die die Gesellschaft für kriminell hielt; daß es andere Methoden gab, die die Gesellschaft (ziemlich willkürlich) nicht für kriminell hielt; und daß er höchstwahrscheinlich am besten dabei fuhr, wenn er sich in der Nähe von Geld plazierte oder zumindest in der Nähe von denen, die es verdienten. Er beschloß deshalb, Bankbeamter zu werden.

Ich sagte Ihnen ja, Christie war ein einfacher Mensch."

B.S. Johnson, Christie Malrys doppelte Buchführung.

Eine fulminante Abrechung mit unserem Wertesystem

Sonntag, 6. März 2016

Lauter erste Sätze.

"Ich schnallte in Grimme meinen Tornister, und wir gingen. Eine Karawane guter gemütlicher Leutchen gab uns das Geleite bis über die Berge des Mudentals, und Freund Großmann sprach mit Freund Schnorr sehr viel aus dem Heiligtume ihrer Göttin, wovon ich Profaner sehr wenig verstand. Unbekmerkt suchte ich einige Minuten für mich, setzte mich oben Georgens großem Lindwurm gegen über und betete mein Reisegebet, daß der Himmel mir geben möchte billige freundliche Wirte und höfliche Torschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurück auf dem andern Wege wieder in mein Land; daß er mich behüten möchte vor den Händen der monarchischen und demagogischen Völkerbeglücker, die mit gleicher Despotie uns schlichten Menschen ihr System in die Nase heften, wie der Samojete seinen Tieren den Ring."

Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus

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ich dachte so:
üben=bezwecken=manipuliere n=sich was vormachen lieben=heureka
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