Mittwoch, 27. Januar 2016

Von Mowgli bis zum Kriegsgeheul. Der Anglist Stefan Welz schreibt die erste deutsche Biografie des großen englischen Schriftstellers Rudyard Kipling

Rudyard Kipling war eine schillernde Persönlichkeit, die von den meisten leider bis heute nicht richtig (ein)geschätzt wird. 1865 in Bombay geboren, aufgewachsen in Indien, dann in England, wurde er in Indien Journalist und schrieb neben seinen Artikeln Kurzgeschichten, mit denen er schnell bekannt wurde. Bereits 1883 waren sechs Bände erschienen, viele von ihnen spielen im anglo-indischen Milieu, manche unter den einfachen Soldaten und Ingenieuren, aber auch unter den muslimischen und hinduistischen Indern. Viele von ihnen setzen sich durchaus kritisch mit den Zuständen der englischen Verwaltung auseinander, sind ironisch bis zum Sarkasmus, wobei die grundsätzliche Notwendigkeit des Empires, Indien zu beherrschen, nicht kritisiert wird.

Welz

1889 geht Kipling nach London, wo er mit weiteren Erzählungen und Gedichten sehr populär und sogar berühmt wurde. Vor allem seine Virtuosität, mit unterschiedlichen Slangs und Jargons zu jonglieren, verschiedene Töne genau zu treffen und sie zu variieren, ist bis heute unübertroffen. Auch sein harter Realismus, mit dem er das Leben der Unterschicht beschrieb und die neuen Techniken, wurde im literarischen London des Ästhetizismus sofort bemerkt - nicht immer mit Zustimmung. Aber es war damit ein völlig neuer Ton in die Literatur gekommen. Viele seiner Balladen wurden begeistert von der gesamten Bevölkerung aufgegriffen und sogar gesungen, die Soldaten fanden sich in ihnen ebenso wieder wie die Arbeiter.

1892 heiratet Kipling die Amerikanerin Caroline Balestier, die Schwester eines früh verstorbenen Freunds, und lebt mit ihr in Vermont, wo er u.a. "Das Dschungelbuch" schrieb, wohl bis heute sein berühmtestes Buch. Es folgten, wieder in England geschrieben, "Captains Courageous" und sein kritischer und in die Zukunft reichender Blick auf das Empire, das Gedicht "Recessional", zum 60. Thronjubiläum von Königin Victoria. In Afrika befreundete er sich mit Cecil Rhodes, in Amerika mit Theodore Roosevelt. 1901 erschien sein Roman "Kim", eine der schönsten Geschichten über Indien, die es bis heute gibt. 1907 bekam er den Nobelpreis verliehen, als erster englischer Autor und bis heute jüngster.

Es ist ein wechselhaftes Leben, das Kipling führte. Früh war er berühmt, ist noch heute nach Shakespeare der meistzitierte Autor in England. Viele Autoren hat er beeinflusst, viele haben ihn bewundert, oder, wie Bert Brecht, auch beklaut (der, als man es ihm nachwies, ungefähr sagte: "In Fragen geistigen Eigentums bin ich etwas lax."). Eng war er mit dem englischen Imperialismus verbunden, den er bejahte, dem er aber auch eine erzieherische Aufgabe zusprach. Oft hat er auch die anderen Kulturen als gleichwertig beschrieben, manchmal aber sieht man bei ihm sogar rassistische Züge. Den Ersten Weltkrieg begrüßte er, weil er schon früh die Gefahr erkannte, die von Deutschland ausging. Als sein ältester Sohn 1915 im Alter von 18 Jahren fiel, schrieb Kipling auf den Grabstein: "If any question, why we died, tell them, because our fathers lied."

Diesem spannenden und oft widersprüchlichen Leben geht jetzt der Anglist Stefan Welz nach. Sonderbarerweise ist es die erste deutsche Biografie überhaupt. Leider aber muss Welz' Biografie als erster Versuch betrachtet werden. So ist seltsamerweise fast nur von den Inhalten seiner Kurzgeschichten und Gedichten die Rede. Von seinem überragenden Stil, den man in den Neuausgaben von "Captains Courageous" und den späten Erzählungen genießen kann, die jetzt erschienen sind, ist nur sehr wenig die Rede, wenn überhaupt. Schon eine oberflächliche Analyse dieses Romans hätte beispielsweise sein Tempo, seine überragende Fähigkeit, Charaktere in wenigen Strichen lebendig werden zu lassen, seinen enormen Wortschatz (nach Shakespeare der größte aller Engländer) und seine sprachliche Finesse und extreme Flexibilität zeigen können - und dafür ist er berühmt geworden. Das streift Welz nur. Ein großes Manko dieses Buchs.

Ein weiteres sind seine Versuche, Kipling psychologisch erklären zu wollen. Da versteigt er sich mitunter zu abenteuerlichen Formulierungen oder durch nichts erklärte Volten: So ist Kiplings kindlicher Zusammenbruch in England u.a. "ein kindlicher Wunsch nach Bestrafung der Eltern für deren Abwesenheit". Mehrfach spekuliert er über Kiplings angebliche Homosexualität, ohne irgendetwas belegen zu können. Bei einer Geschichte von Kipling konstatiert er "eine unterkühlte Art, in der die aufkeimende Liebe zwischen ihr (der weiblichen Hauptperson, GP) und Ingenieur Scott beschrieben wird" und stellt dann die für einen Anglisten unerhörte Frage: "Warum soll es in Kiplings Leben anders gewesen sein?" Normalerweise unterscheidet man zwischen den Figuren, dem Erzähler und dem Autoren. Oder man belegt seine These genau. Welz tut es nicht.

Mehrmals betont Welz, dass Kipling Schiffen und Lokomotiven menschliche Charaktereigenschaften unterlegt - auch hier gibt es keine Beispiele und keine Ausführungen über dieses interessante Detail. Dabei hat er sich über dieses Thema habilitiert. Zudem benutzt er mehrfach seltsame Formulierungen, die Kipling, dem größten Stilisten Englands, sicherlich nicht angemessen sind. So habe die geringe "emotionale wie auch wertphilosphische Verankerung in einer ihm letztlich fremden Gesellschaft" (der USA, GP) zu einer Sinnkrise geführt, einmal erklärt er ihn pathetisch zum "Gralshüter spätviktorianischer Werte" oder schreibt: "Nunmehr schwellen seine patriotischen Gesänge lautstark bis zum Kriegsgeheul an." Auch das ohne genauen Beleg. Und insgesamt findet Welz bei Kipling einen "unterdrückten Selbsthass, der aus einem profunden Schuldkomplex erwachsen ist." Oft betont Welz auch Kiplings "Deutschenhass", wo doch die reale Gefahr für den Weltfrieden, die vom Kaiserreich ausging, sich für jeden sichtbar 1914 manifestierte.

Zum Glück sind solche Ausrutscher selten, hätten allerdings, wie manche stilistischen Eigenarten und Wiederholungen (auf S. 140 steht der selbe Satz gleich zweimal) durch einen guten Lektor korrigiert werden müssen. Immerhin muss man konstatieren, dass Welz uns mit Kipling bekannt machen will und sein Weltbild, seine Lebensumstände, seine politischen Verirrungen ebenso nacherzählt wie er uns leicht fasslich die spannenden Zeitumstände sowohl in England, als auch in Indien und Amerika erklärt. Wer kann, greife, wenn er keine englische Biografie lesen kann oder will, wenigstens ergänzend zu den stilistisch ausgereifteren Essays des exzellenten Kipling-Übersetzers und -Kenners Gisbert Haefs, die allerdings nur verstreut erschienen sind. Unter anderem in "Über Bord" oder in den "Späten Erzählungen".

Stefan Welz: Rudyard Kipling - Im Dschungel des Lebens.
Verlag Lambert-Schneider, Darmstadt 2015
272 Seiten, 29,95 Euro

"Ich wünschte, die Amerikaner würden nicht so sinnlose Lügen verbreiten". Der Mare Verlag feiert Rudyard Kiplings 150. Geburtstag leider nicht mit einer Gesamtausgabe, sondern mit den frühen Reisebriefen aus Indien, Ostasien und Amerika

"Ich kann nicht behaupten, viel herumgekommen zu sein", sagte Rudyard Kipling 1914 in einer Rede vor der Royal Geographic Society in London. Das war natürlich ein Witz. Denn Kipling, der 1907 als erster britischer und bis heute jüngster Autor (41 Jahre alt) den Literaturnobelpreis bekam, war da schon um die ganze Welt gereist. In Indien geboren, dort und in England aufgewachsen, ging Kipling 1882 nach Lahore, um als Journalist zu arbeiten. Ein paar Jahre später reiste er durch Indien und schrieb neben seinen Kurzgeschichten, mit denen er schnell berühmt wurde, auch Reiseberichte. Die manchmal leicht ironisch gefärbt sind, manchmal auch selbstironisch, meistens aber ganz ernsthaft die Vielfältigkeit dieses erstaunlichen Subkontinents beschreibt. Wie den Palast von Amber, in der Nähe von Jaipur: "So betrat der Engländer diesen Palast aus Stein, auf Stein gebaut, aus steilem Fels herausragend, und erreichte auf Steinwegen - nichts anderes als Stein. Falls ein Gebäude den Charakter seiner Bewohner widerspiegelt, dann müsste es für jemanden, der in einem orientalischen Palast aufgewachsen ist, unmöglich sein, geradlinig zu denken oder frei zu sprechen oder - doch hier widersprechen die Chroniken von Rajputana der Theorie - freimütig zu handeln. Die engen und verdunkelten Räume, die schmalen, glattwandigen Korridore mit Nischen, in denen ein Mann ungesehen auf seinen Feind lauern kann, der Irrgarten aus auf- und absteigenden Treppen, die nirgendwohin führen, die allgegenwärtigen Zwischenwände aus marmornem Maßwerk, die so viel verbergen oder enthüllen können - all dies riecht nach Verschwörung und Gegenverschwörung, Bündnis und Intrige."

KiplingOzean

Mit großer Lust beschreibt er die großen Sehenswürdigkeiten wie den Taj Mahal in Acra, aber auch die abseitigen Orte, an denen ein Tourist eher vorbeiläuft wie die verwinkelten Gassen Kalkuttas mit ihren Spielhöllen und Opiumhöhlen. Er erzählt auch von seinen Abenteuern, wie einmal in der Wildnis ein Rad seines Wagens brach und die beiden Inder ihn mitten in der Nacht verließen, um Hilfe zu holen. Nicht ohne ihn zu bitten, auf die Post, die sie auch transportieren, aufzupassen. Es war gespenstisch, trotz des Feuers, das er entzündete: "Die Ponys husteten ab und an traurig, doch konnten sie nicht das Gewicht der Totenstille lösen, das die Erde zu zermalmen schien. Nach einer Zeitspanne, die man nur in Jahrhunderten messen kann", erschienen die beiden wieder und erlösten ihn. Er erzählt nebenbei viele Geschichten und Anekdoten, streift auch die Geschichte des Landes, die er sehr gut kennt, und erlebt eine Pantherjagd mit, den er als "Mord" bezeichnet: "Es ist ein schrecklicher Anblick, ein großes Tier sterben zu sehen, wenn seine Seele in zehn Sekunden aus dem zuckenden Körper gerissen wird."

Kiplings Reiseberichte aus Indien sind von großer Anschaulichkeit, gemischt mit politischen Betrachtungen, die ihn als Vertreter eines aufgeklärten Imperialismus zeigen: Für ihn sind es die Briten, die den Indern die moderne Kultur bringen - bei aller Wertschätzung und Liebe für das bunte Leben und die alte Kultur des Landes, die kaum ein andere Brite jemals so gezeigt hat. Manchmal scheint es sogar so, als wenn er bedauert, dass all das untergehen soll.

1888 verlässt Kipling Indien, um nach England zurückzukehren. Aber er fährt nicht nach Westen, sondern nach Osten: Streift Ostasien, China und Japan, fährt von dort nach San Francisco und über Land durch die Vereinigten Staaten. Auch hier verfasst er Reiseberichte für Zeitungen. Aber sie sind doch anders als die aus Indien. Denn in Indien ist er aufgewachsen, hier kannte er sich aus, konnte aus seinem reichen Wissensschatz über Politik, Geschichte und Kultur schöpfen und seine sinnlichen Eindrücke souverän mit seinen Überlegungen verknüpfen. In den anderen Ländern war er fremd, war ein Tourist, der manche Beschreibungen aus seinen Reiseführern übernahm.

Japan beschämt ihn vor allem mit der Höflichkeit und Sauberkeit der Japaner und der Eleganz ihrer kleinen Häuser: "Man nehme den Laden des bania (Getreidehändlers). Er verkauft Reis und Chili und getrockneten Fisch und Holzbecher aus Bambus. Die Fassade des Landens ist ausgesprochen solide. Sie ist aus einen halben Zoll breiten Latten gebaut, die nebeneinander festgenagelt sind. Keine einzige Latte ist zerbrochen und jede vollkommen viereckig. Da er sich schämt, sein Haus so mürrisch zu verriegeln, füllt er die Hälfte der Vorderfront mit Ölpapier, das auf einen Viertelzoll dicken Rahmen aufgespannt ist. Kein einziges Ölpapierviereck hat ein Loch, und kein einziges dieser Vierecke, die in unzivilisierten Ländern eine Glasscheiben enthalten würden, wenn sie stark genug sind, fällt irgendwie aus der Reihe." Kipling ärgert sich, dass er ständig seine Stiefel ausziehen muss, was sehr unelegant aussieht, und dass er dann in Strümpfen über die spiegelglatt polierten Korridore gehen muss. Haarklein beschreibt er die Schönheit der kleinen Bäume, die die Japaner im Haus haben: "Der bania hat ihn dort zu seinem Vergnügen hingestellt, weil ihn der Anblick erfreut und er ihn liebt. Sein Geschmack ist frei von westlichem Einfluss, und er hält sein Haus tadellos sauber, denn er schätzt Reinlichkeit und weiß, dass sie kunstvoll ist." Japan ist für ihn ein Wunder. In einem Teehaus notiert er: "Hier gab es Farbe, Form, Nahrung, Bequemlichkeit und Schönheit genug, um ein halbes Jahr darüber nachzusinnen."

Natürlich sieht Kipling auch in Japan die Sehenswürdigkeiten, natürlich haben er und sein Begleiter, der nur "der Professor" genannt wird, beim Essen Probleme mit den Stäbchen. Er geht in ein Theater und versucht umständlich, die ihm unverständliche Handlung zu beschreiben. Er besucht den Tempel von Chion-in in Kyoto und hört die berühmte große Glocke. Hier schreibt Kipling auch wieder lebendiger, man spürt seine Begeisterung, während er Ostasien mehr oder wenig abhakt.

In Amerika dagegen wird er politisch und ironisch, manchmal mischt sich sogar ein bitter prophetischer Ton in seine Berichte. Mit kritischem Blick schaut er auf das politische System des Landes, eine Demokratie, in der man offen Wählerstimmen kauft. Er bewundert die Amerikaner, ihren jungen Geist, mit dem sie alle Probleme direkt angehen, aber er ist doch immer auch ein wenig herablassend. Mit großer Freude spießt er mit Vorliebe abstruse Szenen auf, wie seine Zugfahrt zum Yellowstone Nationalpark: "Wir waren eine fröhliche Bande. Ein Gentleman tat seine Absicht kund, den Fahrpreis nicht bezahlen zu wollen, und raufte mit dem Schaffner, der ihn mit einem Hüftschwung fein säuberlich durch ein doppeltes Glasfenster beförderte." Was ihm gar nicht gefiel, waren die Städte in der Prärie inmitten von Salbeibüschen: "Wir hielten in Pasco Juncion, und jemand erzählte mir, dies sei die Königin der Präriestädte. Ich wünschte, die Amerikaner würden nicht so sinnlose Lügen verbreiten. Ich zählte vierzehn oder fünfzehn Holzhäuser und ein Stück einer Straße, das wie ein Bluterguss auf der unberührten Oberfläche des blauen Salbeis aussah, der sich endlos bis zur untergehenden Sonne erstreckte." Sehr zivilisiert kamen ihm die Amerikaner sowieso nicht vor: "Im Raucherabteil des Pullman-Wagens hörte ich auf der ganzen Strecke nach Helena Geschichten, die bis auf wenige Ausnahmen alle von gewaltsamen, brutalen und heimtückischen Morden handelten. Am Ende einer jeden Geschichte versicherte man mir, die alten Tage seien längst vergangen und diese Anekdoten hätten mindestens fünf Jahre auf dem Buckel." Aber wer weiß, was daran alles wahr ist. Denn am Ende seiner Reise in den USA traf er sein großes Idol, Mark Twain, und dieser Vielreisende und Spötter sagte ihm kurz und bündig: "Sammeln Sie Ihre Fakten, um sie dann nach Lust und Laune zu verdrehen!“

Der schöne Band, in dem jetzt alle diese Reiseberichte gesammelt werden (Reisebriefe aus Japan gab es schon einmal, eleganter übersetzt von Gisbert Haefs) ist im Mare Verlag erschienen und natürlich, so ist das in diesem Verlag, prächtig ausgestattet: ein dicker Band im Schuber und mit zwei Lesebändchen, in einem schönen Rot gebunden und mit Vorworten des Übersetzers versehen, die allerdings doch etwas ausführlicher hätten ausfallen können. Denn Rudyard Kipling, der große Klassiker der englischen Literatur mit dem größten Wortschatz nach Shakespeare, ist hierzulande kaum bekannt - allenfalls die Dschungelbücher werden noch gelesen. Und man hätte sich, statt dieser zwar interessanten, aber doch frühen Reiseberichte von Kipling doch noch etwas anderes gewünscht - am liebsten hätte man zu Kiplings 150. Geburtstag natürlich endlich einmal eine Gesamtausgabe. Es gab in Deutschland noch nie eine, der Haffmans Verlag hat es mal angefangen und es immerhin auf 9 Bände gebracht.

Rudyard Kipling: Von Ozean zu Ozean.
Unterwegs in Indien, Asien und Amerika.
Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann. Mare Verlag Hamburg 2015
768 Seiten, 48 Euro

Dienstag, 26. Januar 2016

Alles wegfieren! Rudyard Kiplings in Aufbau und Sprache meisterhafter Roman "Über Bord" erzählt vom Erwachsenwerden und der harten Arbeit der Fischer

"Dieser junge Cheyne ist die schlimmste Pest an Bord", sagte ein Mann im Friesmantel; er knallte die Tür zu. Ein weißhaariger Deutscher empfahl, ihn mit einem "Dampen" zu schlagen, aber ein Mann aus New York meinte, er sei doch eigentlich ganz harmlos: "Hat mehr Mitleid verdient als sonst was. Den hat man doch von Hotel zu Hotel geschleppt, seit er ganz klein war. Ich hab mich heut früh mit seiner Mutter unterhalten. Sehr liebe Frau, aber mit dem Jungen wird sie wirklich nicht fertig."

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Wer so kurz und liebevoll vorgestellt wird, ist der 15-jährige, völlig verzogene Sohn eines amerikanischen Multimillionärs, Harvey Cheyne. Auf dem Schiff tut er so, als wenn er erwachsen wäre. Als er aber vom Deutschen eine Zigarre bekommt, bekommt sie ihm nicht. Er schleppt sich auf Deck, "wurde ohnmächtig vor Seekrankheit, und ein Rollen des Schiffs kippte ihn über die Reling auf die glatte Kante des Schildkrötendrecks. Dann kam eine flache graue Mutterwelle aus dem Nebel, nahm Harvey sozusagen unter dem Arm und zog ihn herunter und fort nach Lee; das große Grün schloss sich über ihm, und er schlief ruhig ein." Niemand hat etwas gemerkt, die See war kabbelig, keiner sonst war draußen.

Zu seinem Glück wird er vom Kabeljaufischkutter "We're here" aufgefischt, der gerade in den Nordatlantik ausläuft. Natürlich verlangt der arrogante Junge, dass sie ihn sofort wieder zurück nach New York bringen, und erzählt, dass sie dafür reichlich belohnt werden würden. Natürlich glaubt ihm niemand, den Namen Cheyne hat an Bord noch niemand gehört. Nein, er muss als Ersatz für den ertrunkenen Schiffsjungen Otto an Bord Dienst tun, muss sich schnellstens an die harte Arbeit gewöhnen, muss auch den rauhen Ton über sich ergehen lassen, bis er merkt, dass das nur die harte Schale ist: Im Grunde sind die Fischer herzensgute Menschen. Seine Erzählungen von seinem reichen Leben und dem monatlichen Taschengeld, das den Jahreslohn eines Fischers weit übersteigt, halten sie natürlich für abstruse Märchen, für Wichtigtuerei: "Biste sicher, dasste dir nich irgendwo den Kopf gestoßen hast, wie du über Bord gefallen bist?" Nach und nach freundet er sich mit dem etwa gleichaltrigen Sohn des Kapitäns an, Dan, der ihm sogar zu helfen versucht: "Zieh den Kopp ein und geh bei mir längsseits, sonst kriegste 'ne Abreibung un ich auch, weil ich dir helf."

Nach und nach lernt Harvey, dass es noch ein anderes Leben gibt, eines, wo die Mutter nicht schon Zustände bekommt, wenn er sich mal die Füße nass macht. Er beginnt, sich in sein Schicksal zu fügen, er lernt hart zu arbeiten, und er lernt, dieses Leben an der frischen Luft sogar zu genießen. "Da er ein Junge und sehr beschäftigt war, zerbrach er sich den Kopf nicht zu sehr mit Denken. Es tat ihm sehr leid um seine Mutter, und oft sehnte er sich danach sie zu sehen und ihr vor allem von diesem wundervollen neuen Leben zu erzählen und wie hervorragend er seine Sache machte. Ansonsten fragte er sich lieber nicht zu genau, wie sie wohl mit dem Schock seines vermeintlichen Todes fertig würde." Am Schluss des Romans ist er ein Mann geworden, er hat gelernt, mit einfachen Menschen ein einfaches, aber erfülltes Leben zu führen. Sein Vater ist stolz auf ihn, und was ihm noch wichtiger ist: Sein Kapitän ist stolz auf ihn.

Diese Geschichte von Rudyard Kipling, "Über Bord", ist ein abrupter Bildungsroman, die Geschichte eines Jungen, der nach allerlei Abenteuern zu einem Mann heranwächst. Es ist aber auch eine Sozialstudie und eine präzise, detaillierte Beschreibung eines alten Handwerkes: der Seefahrt. Das Buch wimmelt von Ausdrücken, die man im Binnenland nie zu hören bekommt: "hart nieder", "hart nach Lee", "alles wegfieren", "Klüver bergen", "staken". Es ist, anders als Melvilles mystisch und mythisch überhöhter "Moby Dick" ein harter und realistischer Roman von der zeitraubenden und auch gefährlichen Arbeit auf hoher See, um die hungrigen Mäuler einer austrebenden Nation zu füllen. Ausgelaufen wird im Frühjahr, die Rückkehr ist im September, dazwischen ist nur die Weite der See, die Enge der Kajüte und viel körperlich harte Arbeit.

Der Roman ist auch ein hervorragendes Beispiel für Kiplings sprachlicher und literarischer Meisterschaft. Zum einen das Tempo: Auf der ersten Seite ist bereits klar, was für ein Ekel der junge Harvey ist, nach drei Seiten ist er schon von der See verschlungen worden. Mit nur wenigen Worten steht jeder Charakter sofort lebendig vor den Augen des Lesers. Und die Handlung wird geradezu durch das Buch gepeitscht. Das machte ihm damals kaum einer nach, und die gesamte deutsche Literatur der Jetztzeit wird einem nach diesem Roman zur Einschlaflektüre. Gespickt ist das alles mit wunderbaren Geschichten und Anekdoten, die immer wieder eingeflochten werden, und die von der überbordenden Fantasie des Autors künden.

Und seine Sprache. Sie war damals, 1896, als der Roman als hoch bezahlter Vorabdruck in "McClure's Magazine" erschien, so modern und experimentell wie heute. Kipling spielt, wie auch Mark Twain es in "Huckleberry Finn" getan hat, mit den Dialekten, die auf dem Schiff gesprochen wurden, mit den oft verkürzten Fachausdrücken der Seemanssprache, mit dem Pidgin des Portugiesen Manuel und des schwarzen Kochs MacDonald, mit gälischen Wurzeln und nrmalem Umgangsslang, der bei dem Übersetzer Haefs, der dies alles wunderbar ins Deutsche bringt, zu einer Art Norddeutsch wird. Und zwischendurch gibt es dichte Beschreibungen der Natur, die einem fast die Gischt ins Gesicht treiben: "Harvey, der alles andere als stumpf war, begann all dies zu begreifen und zu genießen; den trockenen Refrain von Wolkenkämmen, die mit einem Geräusch wie von unablässigem Reißen überschlagen; die Hetzjagd der Winde, die über offenen Weiten die tiefblauen Wolkenschatten zusammentreiben, und den herrlichen Aufruhr des roten Sonnenaufgangs". Elf Jahre später bekam Kipling den Nobelpreis für Literatur zugesprochen, als erster englischsprachiger Autor und bis heute der jüngste, mit knapp 42 Jahren. Er ist bis heute nach Shakespeare der Autor mit dem größten Wortschatz und, ebenfalls nach Shakespeare und der Bibel, der meistzitierte in England.

Die Neuausgabe, die unter dem Titel "Über Bord" erschien, lehnt sich an die 2007er-Ausgabe im Mare Verlag an, wurde vom Übersetzer Gisbert Haefs, der den Roman schon 1995 für den Haffmans Verlag übertragen hatte, überarbeitet und mit Anmerkungen und einem kenntnisreichen Nachwort versehen. Der Band ist schön gestaltet, von Christian Schneider fantasievoll illustriert und hat als Clou als loses Blatt eine kleine Seekarte des Nordatlantiks.

Rudyard Kipling: Über Bord. Roman.
Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Gisbert Haefs.
Illustriert von Christian Schneider.
Edition Büchergilde, 2015, 300 Seiten, 25 Euro
ISBN 978-3-86406-060-1

Freitag, 11. Dezember 2015

Wo trifft man sich,

wenn der eine in Karlsruhe, der andere in Tübingen wohnt? Genau, auf der wunderbaren Kinderbuchmesse Bologna. Da traf ich ihn, nachdem ich eines seiner Bücher hochgelobt hatte (ich glaube, "bestes Bilderbuch des Jahres" waren meine Worte), er mit Hut, ich mit Susanne ... Und dann schrieb er weiter Kinderbücher, und letztes Jahr fuhren wir sogar zusammen nach Bologna. Nächstes Jahr auch, Werner?

Holzwarth

Dieses Jahr, und das wird mein Weihnachtstipp (einer meiner Weihnachtstipps): "Leise pieselt das Reh. Altes Liedgut frisch aufgepöbelt". Schon das Titelbild ist nicht schön, da trötet ein dickes Kind auf einer Gießkanne, ein anderes hämmert auf Töpfe ein, ein schwarzes kraushaariges brüllt in den Duschkopf, ein weiteres Kind (weißer Hautfarbe) spielt Gitarre auf dem Besen. Und ein Tier pinselt (niht: pieselt) etwas an die Wand.

Warum ich die Hautfarbe erwähne? Weil bei Amazon eine Nelly Kunze als Kommentar schrieb: "Zum Teil sehr witzige Lieder, aber auf rund sechzig Seiten sind nur 6 Schwarze abgebildet und ein vielfaches Weisse. Hinzu kommt, dass auf S. 36 in der Illustration die Nachahmung des rassistisch verzerrten Bildes von Angehörigen der ersten Nationen der Amerikas reproduziert wird." Tja.

Unerhört! Was ist da los auf Seite 36? Los ist, dass ein Kind in Indianerverkleidung mit Bogen und Gummipfeil auf seinen im Gras liegenden Vater schießt. Zu der Melodie "Kommt ein Vogel geflogen" heißt es: "Kommt ein Pfeil angeflogen, streift den Papa am Gesicht. Brüllt der Papa:"Mein Söhnchen! Bist ja wohl nicht ganz dicht!"

Also so wird "die Nachahmung des rassistisch verzerrten Bildes von Angehörigen der ersten Nationen der Amerikas reproduziert". Super. Mehr sag ich jetzt nicht dazu. Humor ist eine Gabe, die nicht jedem beschieden ward.

Der Titel des Buchs ist natürlich ein bisschen provokant für politisch korrekte Eltern, die Wörter wie pieseln oder Kacka nicht mögen ("Kacka, Kacka, ruft's aus dem Klo..." ist ein Beispiel aus diesem Buch) - auch sein letztes Buch "Mag ich! Gar nicht!" hatte solche Reaktionen hervorgebracht - das Kotzen war einem Elternpaar zu unfein. Denn Holzwarth dichtet einfach die gängigsten Volks- und Kinderlieder um. Das ist mal frecher, mal weniger frech, mal derber, mal dezenter. "Kommt ein Pfeil angeflogen" ist harmlos, ebenso "Der Teig ist aufgegangen, die Weihnachtspplätzchen prangen und duften wunderbar" - das ist doch süß und passend. "Gans, du hast den Fuchs gestohlen, lass den Blödsinn sein! Lass den Blödsinn sein! Denn ich sag's dir unverhohlen: Das glaubt die kein Schwein!" Recht hat er. Man sieht dazu übrigens die Gans, die hocherhobenen Hauptes den Fuchs hinter sich herzieht, der sich vergeblich mit den Krallen (heißt das Krallen bei Füchsen?) am Boden festzukrallen versucht. Und zwei Schweine, und das eine sagt: "Ey, das glaub' ich jetzt nicht!"

Für die Fans von Bayern München, FC Barcelona oder SV Kleinochsenfurt hat er das Lied "Grund un weiß sind alle meine Fahnen, grün und weiß sin dalle meine Schals...." (Das war jetzt für Werder Bremen.) Für die Wanderentgeisterten gibt es "Der Mai ist gekommen, die Eltern wollen raus. Doch ichwil nicht wandern, bleib lieber zu Haus..."

Es macht Holzwarth sichtlich Spaß, mit den Liedern zu spielen, ihnen neuen Sinn zu verleihen, die Wörter zu verdrehen, und auch ein bisschen frech zu sein. Und den Lesern macht es Spaß, zu merken, wie die alten Melodien immer noch im Hinterkopf lauern und sofort wieder herauskommen. Und wie dann plötzlich beide Versionen Spaß machen. Die alte, weil man sie noch aus der Kinderzeit kennt, und die neue, weil sie oft einfach witzig ist. Und die Bilder dazu (von Lilli L'Arronge) sind frisch und fröhlich, wenig fromm, aber sehr frei, mit viel Matsch und Durcheinander und Sackhüpfen und pupsenden Kindern und einem plappernden Kind: "Es plappert das Kindchen am laufenden Band - plapp plapp! Der papa brüllt laut: Halt doch endlich den Rand! Plapp plapp"

Zu dem Buch gehört auch noch eine CD, die ich mir allerdings nicht angehört habe. Taugt die was, Werner?


Werner Holzwarth / Lilli L'Arronge (Illustratioen): Leise pieselt das Reh. Altes Liedgut frisch aufgepöbelt
64 Seiten, gebunden mit eingelegter CD, 19,95 Euro (Ab 4 und für alle)
Verlag Klett Kinderbuch

Dienstag, 8. Dezember 2015

Und diese graphic novel

hat mir auch sehr gefallen.

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Weswegen ich sie bei fixpoetry auch gern besprochen habe: "eine abstruse Fastliebesgeschichte", Olivia Vieweg erzählt sie "ganz knapp, mit wenigen Worten und sparsamen flaschengrün-grau-blauen Farben, schwarz und weiß, die immer etwas Schmuddeliges haben, etwas Verregnetes, etwas Trauriges."

Montag, 7. Dezember 2015

Wie ein kleiner Junge eine Nonne wurde,

erzählt César Aira in einem seiner Kurzromane.

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Und ich habe ihn auf fixpoetry rezensiert. Wer abgedrehte Literatur mag, wird bei Aira gut bedient: "Aira hat eine Eigenschaft, die vielen Autoren fehlt: er hat einen kindlichen und surrealistischen Humor. Er beherrscht die Leichtigkeit des einfach vor sich hin Erzählens. Die Lust am Fabulieren. Den Spaß an den Einfällen. Am Patchwork der Stilebenen und Erzählhöhen und am Fall aus ihnen heraus. Realismus, religiöse Mystik, Phantastik, Coming-of-Age - alles gilt Aira gleich: Er suhlt sich in einem schelmischen Erzählen mit viel Hintersinn."

Sonntag, 6. Dezember 2015

Durch das Fluidum die Menschen heilen. Thomas Knubben hat eine Biografie des Heilers Franz Anton Mesmer geschrieben

Was muss das für ein aufregender Mann gewesen sein. Charismatisch, von sich selbst überzeugt. Ein Heiler. Sogar ein blindes Mädchen brachte er dazu, wieder sehen zu können. Er trat vor den großen Herrschern seiner Zeit auf, vor Königen und Kaisern. Er lebte in einer Zeit, in der sich alles änderte, in der neue Ideen eine neue Wirklichkeit erzeugten, die Aufklärung ganz Europa veränderte – durch die Französische Revolution. 1734 wurde der Arzt Franz Anton Mesmer in Iznang bei Konstanz geboren, 1815 starb er in Meersburg. Seine Lehre vom „animalischen Magnetismus”, die er ab den 1770-er Jahren entwickelte und auch praktisch anwandte, machte nicht nur zu seiner Zeit Furore, sondern hatte auch großen Einfluss auf die Entwicklung der Hypnose, der Psychoanalyse und der Psychosomatik über hundert Jahre später.

Knubben

Schon in seiner Dissertation von 1766 stellte er Verbindungen zwischen dem Kosmos und dem Menschen her, zwischen den Sternen und Planeten und dem Inneren des Menschen. Ein „Fluidum”, das das All und alle Körper durchströme, sorge dafür. Und ein Heiler könne es benutzen, um die Blockaden in einem Menschen aufzulösen, ihn wieder zur Harmonie zurückzuführen, ihn gesund zu machen. Zunächst mit Magneten, später nur mit der ihm eigenen Suggestionskraft und durch Berührungen, zeigte Mesmer, wie ein sensibler Arzt Einfluss auf den Kranken nehmen könne.

Eine hochspannende Persönlichkeit, dieser Mesmer. Vor allem, weil er darauf bestand, dass er naturwissenschaftlich vorgehe, was ihm seine Konkurrenten, die Ärzte, und viele Naturwissenschaftler wie Georg Christoph Lichtenberg übelnahmen, denn sein „Fluidum” konnte er nur behaupten, seine Existenz aber nicht beweisen. So feierte er immer wieder spektakuläre Erfolge, wenn er Menschen heilen konnte, musste aber auch immer wieder heftige Zurückweisungen erleben, die ihn von Wien nach Paris trieben, von dort nach Karlsruhe, wo der Verleger Macklot eines seiner Bücher publiziert hatte, und später in die Schweiz.

Der Kulturwissenschaftler Thomas Knubben, der ein wundervolles Buch über Hölderlins Reise nach Bordeaux geschrieben hat, hat jetzt eine erzählende Biografie dieses Heilers veröffentlicht und macht damit zu Recht noch einmal auf dieses seltsame Genie aufmerksam. Leider ist sie nicht so stringent und durchsichtig geschrieben, wie Mesmer es verdient hätte. Zu oft etwas ungenau, zeitlich immer wieder hin und her springend, in den Schlüssen und Begründungen manchmal unsicher und schwammig, mit einigen viel zu langen Zitaten, die über mehrere Seiten gehen, fehlt vor allem die präzise Einbettung in die Medizin-, Kultur- und Geistesgeschichte, die Knubben immer mal wieder nur andeutet. Der heutige Leser vermisst zudem manche erklärende Anklänge an die Orgontherapie Wilhelm Reichs, die Psychoanalyse, die Psychosomatik und sogar esoterische „Therapien” wie Reiki. So bleibt Knubbens in vielen Passagen lesbarem Buch vor allem das Verdienst, in spannender Weise diese herausragende Gestalt wieder einmal der Vergessenheit entrissen zu haben.

Thomas Knubben: Mesmer oder Die Erkundung der dunklen Seite des Mondes.
Tübingen: Verlag Klöpfer & Meyer 2015
240 Seiten, 24 Euro

Heute in fixpoetry

erschienen: Meine Rezension von Lily Kings Roman über Margaret Mead, Reo Fortune und Gregory Bateson.

Euphoria

Zu lesen hier: "Anthropologie ist eine schwierige Wissenschaft. Es geht nicht darum, irgendwo hinzufahren, zu einem noch unentdeckten Volk, sie zu beobachten und alles aufzuschreiben. In dem Moment, wo man ankommt, hat man schon etwas verändert. Ein einfaches Beobachten gibt es nicht." Empfehlung.

Samstag, 5. Dezember 2015

Menschenscheu, lesbisch, berühmt. Joan Schenkar stellt Patricia Highsmith in einer monumentalen Biografie vor

Eine Biografie mit den Worten „Sie war nicht nett” anzufangen, ist schon ein bisschen seltsam. Es geht weiter: „Sie war selten höflich. Und niemand, der sie gut kannte, hätte sie großzügig genannt.” Und weil sie anders war, „entwickelte sie im Säurebad ihrer detailgesättigten Prosa ihre eigene, alternative Welt – Highsmith Country. Eine Gegend, die so bedrohlich für die Psyche ist, dass selbst ihre treuesten Leser inständig hoffen, sich nie in ihren Werken wiederzuerkennen.” Dieses Säurebad zog sich auch durch Highsmiths Leben, schon auf der High School, 1934 bis 1938, musste sie ihre Bank mit einer anderen Studentin teilen: „Teilen zu müssen – sogar (oder besonders) mit jungen jüdischen Flüchtlingen oder mit den Töchtern jüdischer Ärzte und Zahnärzte von der Upper West Siede, die bessere Noten bekamen als sie – gehörte nie zu Pats Stärken”, notiert ihre Biografin Joan Schenkar.

Highsmith

Patricia Highsmith (1921 – 1995( ist ein Ausnahmetalent gewesen, eine der randständigen Klassikerinnen der modernen Literatur. Auf einen Schlag berühmt wurde sie schon mit ihrem Debütroman „Zwei Fremde im Zug” von 1950, den Alfred Hitchcock ein Jahr später verfilmte – am Drehbuch arbeitete u.a. Raymond Chandler mit. Bis heute berühmt bleibt sie vor allem wegen der Erfindung ihres völlig amoralischen Helden Tom Ripley, das war bereits 1955. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser immer noch moderne Roman schon vor 70 Jahren erschien.

Und auch ihr Leben war stets etwas neben der Spur. Nach der High-School wurde sie in New York Texterin im Comicstudio Sangor-Pines (was sie später streng geheim heilt), dann zusätzlich Spielzeugverkäuferin bei Bloomingdale‘s. Als die 21-Jährige erfuhr, dass ihre Kurzgeschichte „Der Schatz” von einer Zeitschrift angenommen wurde, ging sie zu ihrem Freund Rolf Tietgens und ließ sich fotografieren, nackt, mit hochgereckten Armen und langen Haaren, die ihr ins Gesicht fielen, ein bisschen stolz und ganz ruhig. Auf den meisten anderen Bildern präsentierte sie immer ihren maskulinen Look, mit einem weißen Männerhemd und Jeans.

Ihr zweiter Roman wurde ein Bestseller, aber den veröffentlichte sie nicht unter ihrem Namen: „Salz und sein Preis” von 1952 schildert ganz offen eine lesbische Beziehung zwischen einer jungen Verkäuferin und einer Kundin. Noch dazu eine glückliche, erfüllte Liebe. Das Buch verkaufte sich hunderttausendfach und war der Anstoß für eine ganze Generation von jungen Frauen, sich mehr zu ihrer Neigung zu bekennen. Highsmith selbst gelang das manchmal auch, manchmal aber auch nicht. So begann sie sogar eine Psychoanalyse, um sich von der Homosexualität heilen zu lassen. Andererseits verliebte sie sich ständig in Frauen, begehrte sie und umwarb sie, oft mit Erfolg. Einmal schrieb sie: „Ich bin das lebende Beispiel für einen Jungen im Körper eines Mädchens”, aber wollte sich „sexuell normalisieren” und heiraten. Mit ihrer Mutter verband sie zeitlebens eine Hassliebe, sie beleidigten und quälten sich gegenseitig in ihren Briefen bis aufs Blut und führten beide Listen über das, was die andere ihr angetan hatte. Die Mutter hielt ihr auch immer wieder vor, dass sie ein ungewolltes Kind war und die Abtreibung nicht geklappt hat. Dafür schrieb Highsmith eine Geschichte, in der ein junges Mädchen der Mutter eine Schere in die Brust rammt. Ihr Vater hatte sich noch vor der Geburt scheiden lassen, ihren Stiefvater mochte sie nicht.

Später zog Highsmith nach Europa, wie so viele Amerikaner, wie auch Tom Ripley. Sie lebte in England, dann in Frankreich und Italien, schließlich aus steuerlichen Gründen in der Schweiz, wo sie sich eine Art Betonbunker als Haus bauen ließ, in dem keine einzige Blume wuchs.

Nach dem Studium von mehreren tausend Seiten Tagebüchern und Briefen stellt die Schriftstellerin Joan Schenkar in etwa tausend Seiten das Leben und das Werk von Patricia Highsmith vor, ihre Beziehungen zu Männern und Frauen wie der Soziologin Ellen Hill, mit der Highsmith in Nizza, Cannes, Florenz, Mallorca und Paris unterwegs war. Vier Jahre lang dauerte die Beziehung, und sie war von Anfang an gestört, mit Eifersucht vor allem, Selbstmorddrohungen und Schlägereien. Highsmith verarbeitete die Beziehung im Roman „Der Stümper”, in dem ein Anwalt versucht, seine Frau zu ermorden.

Diese Zerrissenheit, die sich in ihrem Liebesleben niederschlug, wird in der Biografie sehr breit ausgewalzt, analysiert und beschrieben: „Ich muss arbeiten wie ein Mann und brauche eine Frau“, schrieb Highsmith. Und sie erfand dann Menschen, die sich von ihren Sorgen und Obsessionen meist durch ein Verbrechen befreien konnten: „Obsessionen sind das Einzige, was zählt“, schrieb sie 1942 in ihr Tagebuch. „Am meisten interessiert mich die Perversion, sie ist die Dunkelheit, die mich leitet.“ Menschenscheu war sie, vor allem als sie älter wurde und meinte, nicht mehr attraktiv zu sein.

Menschenscheu, lesbisch, berühmt. Das war kein einfaches Leben, vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren nicht. Leider kommt es in Schenkars Biografie nicht so recht zum Ausdruck, wie schwierig das damals noch war. Wer es wissen will, sollte in Deutschland in ein Provinzdorf ziehen und es ausprobieren. So war es damals überall, homosexuelle Liebe war verpönt, wenn nicht sogar verboten.

Dabei ist es doch eine monumentale Biografie geworden, mit einer stupenden Detailfülle, die man auch als Leser erst einmal bewältigen muss. Anders als frühere Biografen konnte Schenkar nach jahrelangen Recherchen in Bibliotheken und Archiven und vielen Interviews mit Zeitgenossen auch Einsicht in die privaten Tagebücher und die Arbeitshefte von insgesamt 8000 Seiten, die Highsmith jahrzehntelang führte, und in ihre 50.000 Briefe nehmen – eine wunderbare, sehr persönliche Quelle, aus der sie viele Einzelheiten schöpft. Es ist ein Mammutwerk geworden, aber sehr lohnenswert.

Joan Schenkar: Die talentierte Miss Highsmith. Biographie.
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttman, Anna-Nina Kroll, Karin Betz.
Diogenes Verlag, Zürich 2015.
1072 Seiten, 29,90 Euro

Freitag, 4. Dezember 2015

Vom Lesen, Melonewerfen und Bergsteigen. Der Arche Literatur Kalender 2016

Einmal hab ich's probiert - nie wieder. Es war eine Qual. Es war furchtbar. Es war nicht zum Aushalten. Nie wieder werde ich versuchen, ein Jahr ohne den Arche Literatur Kalender durchzustehen. Es geht einfach nicht.

Arche_Literatur_Kalender_2016

Und so werde ich auch nächstes Jahr wieder genüsslich jeden Montag einmal umblättern (wenn jemand mal einen neuen Winnie-the-Pooh-Look-Through Calender findet, darf er mir Bescheid sagen - meiner ist schon ein paar Jahre alt. Hängt in der Küche.), Bilder und Texte ansehen... und staunen: Dass James Joyce ein bisschen aussieht wie Daniel Day-Lewis in seiner stutzerhaften Rolle als Cecil Vyse in "A Room with a View". Dass Thomas Bernhard vor lauter Glück, dass Herr Zuckmayer ihn lobt, mit der Arbeit aussetzt. Dass Annemarie Schwarzenbach vom Himmel über dem Kongo schwärmt, wo "die Luft sich bewegte, es gab Wind, Raum, Freiheit" und "den weiten Raum gefüllt mit Bergketten und Wolken". Dass Jorge Luis Borges im Liebestaumel "schreibt wie irgendein grauenhafter Prosadichter" und es nicht wagt, "diese erbärmliche Postkarte" noch einmal durchzulesen. Dass Isaac B. Singer sich wünscht, ewig im Haus seines Onkels zu sein: "Vögel sangen. Ich hörte das Zirpen und Summen von Grillen und anderen Insekten. Hühner liefern durch das Gras, und wenn ich den Kopf hob, konnte ich die Synagoge von Bilgoraj sehen".

"Der glückliche Augenblick" ist das Thema des Kalenders im nächsten Jahr. Was ist Glück? Für jeden etwas anderes. Für die Maler, die Gertrude Stein einlud, das Sitzen vor ihren eigenen Bildern ("mussten zweimal Brot nachholen", schreibt sie), für H.D. eine Stunde allein mit Paderewski, für Jack London das Lesen, für Mark Twain, dass er es schaffte, eine längliche dicke Wassermelone restlos in sich "unterzubringen" und die Schale seinem Bruder Henry auf den Kopf zu werfen. Das war "etwas, was ich seit fünfundfünfzig Jahren zu bereuen versuche".

Wie immer im Arche Literatur Kalender erzählen die Fotos, die Zitate und die Erklärungen gleichzeitig mehrere Geschichten. Von der Literatur. Vom Leben. Und dieses Jahr vom Glück. Das manchmal so einfach sein kann: "Das Bergsteigen ist im Winter wie ein Ofen, man wird so schön warm dabei". Wer war das? Einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller aller Zeiten ...... - ?: Genau der (nicht Arno Schmidt, der mochte ja nicht "das barocke Gefältel").

Oft kopiert und nie erreicht:

Arche Literatur Kalender 2016
Der glückliche Augenblick
60 Blatt / 54 Fotos / farbig / 22 Euro
ISBN 978-3-0347-6016-4
Arche Kalender Verlag

Donnerstag, 3. Dezember 2015

„Jetzt war ich richtig gespannt, mich kennenzulernen“. Kirsten Fuchs erzählt in „Mädchenmeute” vom Erwachsenwerden

„Es war der Sommer, in dem ich aufhörte, einen knallroten Kopf zu bekommen, wenn ich mehr als drei Wörter sagen sollte. Ich hatte am Ende eine Narbe an der Hand und meinen ersten Kuss bekommen. Ich war sogar fast ein bisschen berühmt geworden. Aber der Reihe nach.” Der Reihe nach: Ein paar Mädchen treffen in den Ferien in einem Camp aufeinander: „ein Ferien-Fun-Survival-Camp”. Charlotte ist fünfzehn, die anderen zwischen dreizehn und sechzehn: Bea, Anuschka, Rike, Antonia, Yvette und Freigunda sind noch dabei, alle in der Pubertät, alle ohne Smartphone, in der Natur.

fuchs

Aber die Gruppenleiterin Inken hat manchmal hysterische Anfälle, das Gepäck verschwindet, plötzlich finden die Mädchen Blutspuren an der Wand. Und als Inken auch noch verschwindet, beschließen die Mädchen einfach zusammen abzuhauen , klauen einen Hundetransporter mit alten Hunden , fahren ins Erzgebirge, wo sie sich gemeinsam im Wald, in einem aufgegebenen Bergwerksschacht verstecken und einrichten: Keine Lust mehr auf Erwachsene! Sie machen das, was pubertierende Mädchen zusammen machen, erzählen sich ihre Probleme, leiden, streiten, raufen sich wieder zusammen, entdecken sich selbst. Nicht ohne Probleme, denn: „Nirgends war ein Elternteil oder eine Lehrerin in Sicht, die man scheiße finden konnte.” Und dann merken sie bei einem Ausflug in den nächsten Ort, dass sie berühmt geworden sind, es gibt sogar eine Internetseite, die sie zu Heldinnen erklärt, zu Vorbildern: „Einfach in den Wald gehen und da wohnen. Das nenn ich modern. Weißte, das wird der neue Trend. In den Wald gehen. Und ganz ohne Drogen und so.”

Es ist ein Mädchenabenteuerbuch, das Kirsten Fuchs mit „Mädchenmeute” geschrieben hat, ein wenig Salinger, ein wenig Herrndorf, ein wenig Christiane Rocheforts „Zum Glück geht‘s dem Sommer entgegen”. Es lebt wie viele anderen Coming-of-Age-Bücher seit „Huckleberry Finn” vor allem davon, dass eine Gruppe Jugendlicher plötzlich auf sich allein gestellt ist. Vorher fremdbestimmt durch Eltern oder Schule, müssen die Mädchen jetzt alleine miteinander klarkommen, sich eigene Regeln geben.Und dass es lauter eigenständige Persönlichkeiten sind: Freigunda, deren Eltern von einem Mittelalterfestival zum anderen tingeln und die Hunde hypnotisieren und einen Flaschenzug bauen kann, Anuschka, die sich mit Kräutern auskennt, Bea, die sich zur Anführerin aufschwingt und Autofahren kann, und Charlotte, die etwas abgehoben ist, alles genau beobachtet und notiert. Jedes Mädchen hat seine eigene Geschichte, die sich langsam aufblättert und entwickelt: „Ich kannte mich so auch nicht. Ich war mir fremd. Jetzt war ich richtig gespannt, mich kennenzulernen“, sagt Charlotte einmal. Und nicht zuletzt ist das Buch so lesenswert, weil diese uralte Geschichte vom Erwachsenwerden witzig, spannend und in einem flotten Tempo erzählt ist.

Und auch der Wald bekommt seine eigene Stimme, knackt und knistert, raschelt und rauscht. Nachts ist er gruselig, wenn sie ihre Wache halten, tags liegen die Mädchen auf der Lichtung und hören den Vögeln beim Singen zu: „Schon nach drei Tagen ohne Haus war etwas mit mir geschehen. Etwas Großes. Vielleicht etwas Größeres als ein Haus, das sich darum nur draußen entwickelte. Ich konnte mit der Haut hören und mit dem Hinterkopf sehen.”

Kirsten Fuchs: Mädchenmeute. Roman
Rowohlt Verlag, 464 S., 19,95 Euro

Dienstag, 1. Dezember 2015

Gleiches Stimmrecht, Gleichstellung der Frauen, Abstimmung über wichtige Handlungen. Daniel Defoe berichtet über eine basisdemokratische Gesellschaft der Piraten

Was wissen wir von Piraten? Nicht viel. Dass sie aussahen wie Burt Lancaster oder Johnny Depp und mit dem Degen in der Hand über die Reling sprangen, vielleicht. Dass sie der Schrecken aller Seefahrer waren und manchmal die englische Königin ihnen Kaperbriefe ausstellte und damit die Erlaubnis zu rauben verlieh. Das wäre dann der 3. Film, aus dem wir unser „Wissen” schöpfen.

Defoe

Aber dann ist da noch „Die Schatzinsel” von Robert Louis Stevenson. Und da geht es nicht nur um Jim Hawkins und den Schatz, sondern auch um den „Schwarzen Fleck”: Mit dem wollten die Piraten auf der Insel ihrem Kapitän, den schlauen und verräterischen Koch Long John Silver, klarmachen, dass er abgewählt ist. Eigentlich eine hocherstaunliche Szene, die zu einer Zeit spielte, als nur sehr wenige irgendjemanden abwählen konnte. Könige und Kaiser beherrschten die Länder, und Kapitäne beherrschten ihre Schiffe. Mitunter mit so großer Brutalität, dass es immer wieder zu Meutereien kam. Von der englischen Marine zum Dienst gepresst zu werden, war nichts, was man sich wünschte.

Das Erstaunliche ist, dass es diese Demokratie unter Piraten wirklich gab. Ein zum ersten Mal ins Deutsche übersetzte Buch von (wahrscheinlich) Daniel Defoe, dem Erfinder von „Robinson Crusoe” und Autor aufklärerischer Essays, erzählt diese vergessene Geschichte anhand der Kapitäne Misson und Thomas Tews und dem Land „Libertalia”: eine Republik auf Madagaskar. , Die Geschichte beginnt mit dem provenzalischen Edelmann Misson, der auf den ehemaligen Dominikanerpriester Caraccioli trifft, sie werden Seeleute und geraten mit der „Victoire” in ein Gefecht mit zwei maurischen Schiffen. Und als drei Offiziere und der Kapitän getötet wurden, übernimmt Misson das Kommando, ernennt Caraccioli zum Ersten Offizier und gewinnt den Kampf der Schiffe.

Und Misson will frei bleiben. Sie rufen die Männer zusammen, bitten sie, Unteroffizieren zu wählen und erklären ihnen ihre Einstellung: „Sie seien keine Piraten, sondern Männer, entschlossen, die Freiheit zu behaupten, die Gott und die Natur ihnen geschenkt hätten; sie würden sich keinen anderen Regeln unterwerfen als denen, die für das Wohlergehen aller nötig seien. Gehorsam gegenüber Vorgesetzten sei nötig, wenn diese die Pflichten ihres Amtes kennten und danach handelten; wenn sie beflissene Wächter der Rechte und Freiheiten der Menschen sei; wenn sie dafür sorgten, dass Gerechtigkeit walte”.

Das war revolutionär: freie Wahlen für alle, auch für ehemalige Sklaven und sogar Frauen? Eine Gesellschaft, die auf dem freien Willen und Gleichheit beruhte? Brüderliche Liebe, „Übereinstimmung und Harmonie”? Die über 200 Männer stimmten sofort zu, und gemeinsam ging es zunächst zu den Westindischen Inseln. Nach einigen Scharmützeln war man sich uneinig über den nächsten Kurs, und Kapitän Misson ließ die Männer darüber diskutieren und abstimmen, ob es nach Nordamerika oder Guinea gehen sollte. Sie befreiten Sklaven, weil der Kapitän sagte, er „habe seinen Hals nicht dem scheuernden Joch der Sklaverei entzogen und seine eigene Freiheit behauptet, um nun andere zu versklaven”. Und dann ließen sie sich eben auf Libertalia nieder.

1728 erschien die Erzählung zum ersten Mal, und die Grundsätze, die Defoe durch die Piraten verkündete, waren revolutionär. Selbst in der amerikanischen oder französischen Revolution kam es nicht so weit, Sklaven blieben Sklaven, Frauen hatten kaum Rechte. Selbst heute bleibt das Buch ein Stachel in unserer Demokratie, in der wir alle paar Jahre das Recht haben, unsere Stimme abzugeben – von einer direkten Demokratie sind wir immer noch weit entfernt, zu schweigen von einer libertären Gemeinschaft.

Dass es damals wirklich so zuging unter den Piraten, belegen weitere Texte, die der Herausgeber Helge Meves im Anhang abdruckt, von Kapitän George Lowther, John Phillips und Bartholomew Roberts, der schreibt: „Jeder Mann hat eine Stimme bei anliegenden Entscheidungen, den gleichen Anspruch auf frische Lebensmittel oder starke Spirituosen, unabhängig davon, wann sie erbeutet wurden, und darf sie genießen, wann es ihm gefällt, es sei denn ein Mangel macht es im Interesse aller notwendig, eine Rationierung zu beschließen.” Diese und weitere Quellen, auf die das ausführliche Nachwort hinweist, zeigen übereinstimmend die gleichen Grundsätze: gleiches Stimmrecht, Gleichstellung der Frauen, Abstimmung über wichtige Handlungen. Vor allem die „nähere Beschreibung der Regierung, Gewohnheiten und Lebensart der Seeräuber“ des Niederländers Jacob de Bucquoy sind aufschlussreich, da er auf Madagaskar in Gefangenschaft lebte und einen unabhängig Bericht liefert, der all das bestätigt. Und die vernunftorientierte Gesetzgebung beschreibt und das Verbot, über Religion zu streiten. Das war wohl wichtig, weil nicht nur Christen, sondern auch Muslime und vielleicht Naturreligionen sich auf der Insel trafen – man musste also tolerant bleiben, wenn man zusammenleben wollte.

Es ist ein informatives, interessantes und für unsere politischen Utopien auch wichtiges Buch, das jetzt mit schöner Goldprägung versehen erschien. Und für Piratenliebhaber eine grundlegende Ergänzung – zwischen die „Schatzinsel” und Russels „Planet des Ungehorsams” zu stellen.

Daniel Defoe: Libertalia. Die utopische Piratenrepublik.
Übersetzt von David Meienreis und Arne Braun.
Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Helge Meves.
Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2015
238 S., 22,90 Euro

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