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Freitag, 2. Juni 2006

Wie die Reihenfolge der Planeten

die kann man sich mit einem Spruch merken (nur dass ich mir den Spruch nie merken kann:)
"Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere neun Planeten." Gefunden im Jorde Planetenlehrpfad aus, ausgerechnet, Marburg. Da hätte ich gleich Jan Süselbeck fragen können.

(Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun, Pluto) (Mit der Einschränkung: Ist der Pluto sonnennäher als der Neptun, wegen der stärker exzentrischen Bahn des Pluto, so muß der Vater sich ein neues Spruchende ausdenken: Mein Vater erklärt mir jeden Sonntag unsere Planeten neu.)

Ein wunderschöner Abendhimmel

voller funkelnd glitzriger Farben, auch jetzt noch, zwanzig nach zehn. Eine lange quergelegte Wolke spielte mit Rot und Blau, warf sich in sarifarbenen Glanz, fläzte sich breit und gemütlich auf das makellose Blau, das sich gemächlich verdunkelte. Hinten, Richtung Saarland, um die pflanzen ringeln sich letzte Sonnenstrahlen, glühend sprühen Rötlich und Orange vor sich hin, die Wolkenfasern winken mit ihren dunkelbunten Ärmchen.

Wie heißt es eigentlich richtig: Abendrot - Schönwetterbot'. Oder Morgenrot - Schönwetterbot'. ?

Aber dass das hier im Südwesten

gerade einmal dreizehn Grad plus hat, im Juni! Das ist nicht gerecht. In Hannover waren es heute vormittag sogar nur 7 bis 8 Grad! Heizung ist also wieder an (im Juni!), im Moment toben die Wolken auf das blumenkohligste über den strahlendblauen Winterhimmel, morgen will Julia in die Pfalz wandern gehen, und ich muss wieder arbeiten. Ph!

Und hier

schreibt Jan Süselbeck über die Ausstellung und einige Publikationen zu Arno Schmidt. Schön.

„Ein Tablett voll glitzernder snapshots.“ Arno Schmidt in Marbach

„Ein Autor?: ist Derjenige, dem ‚ein Stock im Petticoat’ beim Anblick dessen einfällt, wozu ein Leser zeitlebens ‚Schirm’ sagt.“ Meinte jedenfalls Arno Schmidt. Und so fiel ihm „endlosgrün“ ein, „irrheidnisch“ oder: „der Regen perkutierte leiser mein Schädeldach; der Blutstrom golfte“. Er erfand sich eine neue Interpunktion und Rechtschreibung, die seinen Empfindungen und Assoziationen viel angemessener war: „Wer ruft’nn hier, zu nacktschlâffnder Zeit, so lange an?“ Und machte damit die Sprache wieder offener, empfänglicher für Eindrücke und freies Denken.

In einer großen Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach wird dieser große, eigenwillige Nachkriegsautor jetzt umfassend gewürdigt. Natürlich geht es vor allem um die Biografie, die Schmidt selbst als unterbrochen und diskontinuierlich empfunden hat: „Mein Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt (…)): ein Tablett voll glitzernder snapshots.“

Ein paar dieser Snapshots hat die Bargfelder Arno-Schmidt-Stiftung in sechs Räumen zusammengestellt, ein paar wirklich schön glitzernde Facetten. In einem gebrochen verwinkelten Parcours treppauf, treppab geht es mit Fotos, Dokumente und Büchern von der Geburt in Hamburg über den Krieg und die Nachkriegsnot bis zum Hauskauf in Bargfeld in der Lüneburger Heide, wo er die letzten 20 Jahre seines Lebens mit seiner Frau Alice und vielen Katzen verbrachte und fleißig schrieb. Viele Fotos zeigen Schmidt: als Soldat im Weltkrieg, beim verbissenen Rudern auf dem Dümmer, beim schweißtreibenden Mähen seiner Wiese in Bargfeld, oder wie er genüsslich in eine Knackwurst beißt oder mit einem Stück Kuchen kämpft. Dokumente sind zu sehen: eine Nachricht aus dem Kriegsgefangenenlager, sein Briefwechsel mit der irischen Botschaft, als er auswandern wollte (kurioserweise auf deutsch), seine systematischen Überlegungen zum Hauskauf, bei dem sogar Katze Purzel ihre Placet gab: „Miau!“.

Und natürlich, zum Schluss, die Zettelkästen, die er selbst gebastelt hat, Schreibmaschinen und Lupen und die vielen aus Zeitschriften und Bekleidungskatalogen herausgerissenen Anregungen für seine Gestalten: Suse Kolderup, „hochgestiefelt; schwarzer Rock, schwarzbrauner Pulli, (& dessn KnopfReihe gleich vom Kehlkopf zum Nabl!“. Und so manch Kurioses: ein korkengroßes Würfelspiel, ein winziges Hausmodell, eine aufgebogene Klammer, und dazu immer das passende Zitat: „(wenn sich eine Briefklammer derart sperrt, das soll man achten). (Oder ‹ehren›? Nee; ehren nich. Aber achtn.)“ Hier sprechen nur noch die Gegenstände. Sie reden sachte von den vielen winzigen Anregungen, die Schmidt aus dem Alltag übernommen hat, die bei ihm Literatur geworden sind: „Über alles schreibm zu müssen“. Kein Kopfautor, ein sinnlicher, sinnlich angeregter.

In den Seitenräumen, die dem Biografieparcous angegliedert sind, glitzern weitere Facetten. Eine fast meditativ gelöste Stimmung herrscht in dem dunklen Raum, in dem ein paar von Schmidts Landschaftsfotos ausgestellt sind, stille, detaillierte, liebevolle Bilder, und eine Stimme liest einige der schönsten Beschreibungen dieses Naturlyrikers vor. Der Kontrast ist ein kaltblauer Multimediaraum mit drei Bildschirmen: Filme aus Schmidts Zeit, Ausschnitte aus Dokumentarfilmen, politische Reportagen, dazu bösartige, pessimistische, manchmal verzweifelte Kommentare: Eine Ordensverleihung der Nazizeit, „Gott ritt auf einem Bombenteppich.“ Ein ruhiger Raum stellt literarische Vorbilder vor, Fouqué, Wieland, Jules Verne oder Karl May, seine berühmten Radioessays und ein Fernsehinterview, die man sich anhören und ansehen kann, in aller Ruhe, mit viel Zeit. In einem rotsamtenen Türmchen ist eine Peepshow aufgebaut: ein „pornografisches Lachkabinett“: Schmidts „Stellen“, die erst, wenn man den Kopf in die Öffnung gesteckt hat, als Text und Hörbeispiel ablaufen. Und das sind nicht gerade wenige, kaum ein Autor hat schon in den 50er Jahren so offen über Sex geschrieben. Und im "Elfenbeinturm" darüber, in den man über eine enge Wendeltreppe kommt, hört man erheitert einige von seinen berühmt-berüchtigten „Ich“-Sätzen: „Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“ Am Ende der Ausstellung kann man sich Manuskriptseiten und Zettel ansehen, einige Anspielungen entschlüsselt bekommen, merkt auch, wie selbst- und geschichtsbewusst Schmidt manches für die Nachwelt präpariert hat. Auf einem Blatt Papier steht: „Wichtig! Da altes Schreibpapier von 1946 aus dem Formular-Kasten der ‚Eibia’ in Benefeld“. Oder, selbstironisch, auf einem Etikett seines bevorzugten Schnaps: „Während der Niederschrift stark benützt“.

Es ist in Marbach also tatsächlich „ein Tablett voll glitzernder snapshots“ aufgebaut, in einer schönen, rhythmisch gegliederten, anregenden Ausstellung: ein wahres Prunkstück für Marbach, wenig papiern, mit technischen Hilfsmitteln, die man gar nicht bemerkt. Natürlich fehlt auch viel, wird nur erwähnt, wie seine Freundschaften mit Andersch, Michels oder Wollschläger. Man kann eben nicht alles ausstellen. Aber am meisten fehlt doch ein wenig die systematische Hinführung zum Werk selbst. Einige gründliche, vielleicht exemplarische Hinweise auf seine Arbeitsweise: Wie hat er die Wirklichkeit in Literatur verwandelt? Was waren seine Themen? Was steckt alles in seinen Nebenbemerkungen, Seitenhieben, Zitaten? Wieso blieb er so ein Einzelgänger, wenn doch die Ausstellung einen so humor- und phantasievollen Menschen vorstellt?

Aber das Wichtigste ist vielleicht doch: Man wird in Marbach mit einem verletzlichen, sensiblen und vielschichtigen Menschen bekannt gemacht. Man wird, auch wenn man noch nie etwas von Schmidt gelesen hat, der als „schwieriger Autor“ gilt, angeregt, seine Bücher zu entdecken, wird sich von seinem Humor, seiner Ironie, seinen Bösartigkeiten und seiner Wortkunst faszinieren lassen.

(Bis zum 27. August. Deutsches Literaturarchiv Marbach. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Mittwoch 10 – 20 Uhr, an Feiertagen 10 bis 18 Uhr) Siehe auch unter DLA Marbach

Intelligenz...

... lähmt, schwächt, hindert ? : Ihr werd't euch wundern ! : Scharf wie'n Terrier macht se !!

Arno Schmidt
(aus der Reihe: Lieblingszitate)

Kampfmimose

Selten einen so passenden Begriff gehört: Kampfmimose. Im Perlentaucher wird Ulrich Weinzierl aus der "Welt" zitiert:

Gewiss hat Handke in einem völlig recht: Ein Schriftsteller ist an seinem Geschriebenem zu messen, darum heißt er schließlich so. Andernfalls könnte man ihn gleich als Redner oder Dampfplauderer bezeichnen. Doch auch hier gibt es Fragwürdiges und eines auf Genauigkeit pochenden Sprachkünstlers unwürdige Formulierungen.
(...)
Trotzdem würde es wenig bringen, Handkes Arbeiten jetzt wieder Zeile für Zeile auf Fauxpas und Ärgerlicheres abzuklopfen. Gewiss hat Handke in einem völlig recht: Ein Schriftsteller ist an seinem Geschriebenem zu messen, darum heißt er schließlich so. Andernfalls könnte man ihn gleich als Redner oder Dampfplauderer bezeichnen. Doch auch hier gibt es Fragwürdiges und eines auf Genauigkeit pochenden Sprachkünstlers unwürdige Formulierungen. (...) Trotzdem würde es wenig bringen, Handkes Arbeiten jetzt wieder Zeile für Zeile auf Fauxpas und Ärgerlicheres abzuklopfen. Der Poet Peter Handke, nahezu eine Berufskrankheit, entspricht dem Typ der Kampfmimose: Äußerst empfindlich, die leibhaftige Sanftmut, kann er - gereizt - von verstörender Aggressivität sein.

Handke - eine Chronologie

In der heutigen Stuttgarter Zeitung ist schön eins nach dem anderen aufgelistet, wie das war mit Handke und den Serben. 14 Tage lang nachzulesen.
Ein schöner Beitrag zur Versachlichung.

Verwickelte Handlung, gebrochene Charaktere

Carl von Holteis Krimi „Schwarzwaldau“ ist nach 150 Jahren neu aufgelegt worden und überzeugt immer noch

„Books on demand“ ist eine Firma bei einem Buchgroßhändler, bei der man für Geld sein eigenes Buch verlegen kann. Einfach aufschreiben, Text auf Diskette und Geld hinschicken, Buch fertig. Das meiste, was dort so erscheint, sind Ergüsse von Hobbypoeten oder Menschen, die meinen, sie hätten sonst etwas Wichtiges zu sagen. Literarische Texte, die dort erscheinen, sind meist (aber nicht immer) von minderer oder gar keiner Qualität. Die professionelle Literaturkritik sieht sich solche Bücher gar nicht erst an, sie vertraut auf die Spürnase von Verlagen, die schlechte Texte schon mal aussortiert. Was ja leider auch nicht immer stimmt. Manchmal muss man aber die Regel, „books on demand“ nicht zu beachten, auch brechen. Wenn es sich nämlich um einen 1.) wichtigen oder 2.) guten Text handelt. „Schwarzwaldau“ ist beides. Aber dazu muss man vielleicht ein wenig ausholen.

Nach landläufiger Meinung beginnt die deutsche oder deutschsprachige Krimitradition irgendwann in der Weimarer Zeit, Friedrich Glauser fällt einem sofort ein, ein paar andere nach etwas Überlegen und Suchen. Vieles wissen wir gar nicht mehr, vieles ist verbrannt, vieles vergessen worden. Und davor? Da gab es nur ein paar Klassiker, die manchmal auch in der Schule vorkommen, Schillers „Geisterseher“, Fontanes „Unterm Birnbaum“, der Droste „Judenbuche“, E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“. Ansonsten, meint man, gab es den deutschen Krimi nicht. Ansonsten, meint man, spielte sich der Krimi vor allem in angelsächsischen Gefilden ab: Poe, Wilkie Collins, Conan Doyle etc.

Das ist aber ein Vorurteil, gegen das nur wenige protestieren. Aus Kenntnismangel kann man das auch meist gar nicht. Weit und breit gibt es keine ordentliche Geschichte des Kriminalromans, über einige wenige verstreute Aufsätze ist die Germanistik noch nicht herausgekommen. (Was daran liegt – wie Jochen Vogt, einer der wenigen Professoren, die sich um dieses Genre kümmern, einmal gestand – dass die Beschäftigung mit dem Kriminalroman im universitären Bereich nicht gerade karrierefördernd sei.) Der bekannteste Widersprecher war Arno Schmidt, der Krimis eigentlich gar nicht mochte (und wahrscheinlich so viel gar nicht gelesen hat), aber 1965 in seinem Essay „Enter Conte Fosco“ angeberisch sagte: „Wer mich nach unserm besten deutschen Krimi fragt, dem entgegne ich immer: ›HOLTEI, Schwarzwaldau.‹ – und dann sitzen wir einander halt gegenüber, ich & die Herren vom Colt; (Prag 1855, 2 Bände übrigens: 1 Gratis=tip für Taschenbuchverleger).

Auf Arno Schmidts Spuren bewegt sich jetzt Dieter Paul Rudolph. Auf seiner Homepage bietet er einige Texte aus dem 19. Jahrhundert an, die er als frühe Kriminalromane bezeichnet und von denen man wohl noch nie gehört hat: J.D.H. Temme, Benno Bronner und Adolf Streckfuß, Auguste Groner und Ernst von Wildenbruch. Zum Herunterladen, einiges davon wird auch in einem angekündigten Jahrbuch „Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“ erscheinen (mit einem sehr hübschen illustrierten Einband des bekannten saarländischen Illustratoren und Künstlers Raphael Wünsch).

Und eben Carl von Holtei mit seinem Roman „Schwarzwaldau“: Anfang dieses Jahres hat Rudolph diesen „besten deutschen Krimi“ publiziert, allein, ohne Geldgeber. Und um das Risiko möglichst klein zu halten, hat er sich als Publikationsform „book on demand“ ausgesucht.

„Schwarzwaldau“ ist ein schillernder Roman: spannend zu lesen, witzig zwischendurch, mit pointierten Dialogen, psychologisch hintergründig, sozialkritisch und manchmal etwas gespenstisch. Er hat eine schöne Sprache, einen angenehmen, süffig lesbaren Rhythmus. Er spielt manchmal ins Düstere, weist manchmal in die Romantik zurück, manchmal, auch in der Behandlung von Metaphern und Motiven, ganz realistisch zu Fontane hinüber, der sich übrigens für sein „Unterm Birnbaum“ (1885) bei ihm bedient hat (ist das der Fontane-Forschung bekannt? Im „Fontane-Handbuch“ von Grawe und Nürnberger (2000) wird nur Holteis „Christian Lammfell“ erwähnt, und das in einem anderen Zusammenhang).

„Schwarzwaldau“ beginnt mit einem doppelten Beinahselbstmord. Sowohl Emil von Schwarzwaldau, der Herr des großen Gutes, das zwischen Berlin und Dresden liegt, als auch sein Büchsenspanner Franz beschließen in einer finsteren Nacht, sich umzubringen. Beide sind unglücklich: Emil ist von Natur aus schwermütig und in seiner trostlosen Ehe mit seiner Frau Agnes gefangen, die als spröde Person geschildert wird und gefühlsmäßig und sexuell abweisend; Franz, weil er, ein ehemaliger Adeliger, deklassiert und ins Zuchthaus abgerutscht, unglücklich in Agnes verliebt ist und keine Hoffnung mehr für sich sieht. In letzter Minute aber entschließt sich Franz, sich nicht umzubringen, nachdem er in der Nacht seinem Herrn begegnet, und verhindert auch dessen Selbstmord in letzter Sekunde. In einem langen Gespräch öffnet er sich und erzählt ihm seine ganze Geschichte. Aber es kommt dennoch zu keiner Freundschaft zwischen den beiden gleichen-ungleichen Gestalten.

Jetzt wird es verwickelt. Agnes’ Jugendfreundin Caroline, die Tochter eines sehr reichen Kaufmanns, kommt zu Besuch. Auf dem Weg nach Schwarzwaldau trifft sie an einem Teich Gustav von Thalwiese, den schläfrigen Sohn vom völlig verarmten und maroden Nachbargut. Es kommt jetzt zu einer sehr verzwickten Quasi-Fünferbeziehung. Caroline verliebt sich in Gustav, Gustav in Agnes. Emil verliebt sich auch in Gustav und ermutigt Agnes sogar, sich mit ihm einzulassen. (Die sexuellen Wirrungen sind natürlich – Mitte des 19. Jahrhunderts! – nur angedeutet. Aber deutlich genug.) Caroline reist beleidigt ab, weil sie bei Gustav nicht landen kann, und Franz ist beleidigt, weil er bei Agnes nicht landen kann, und schießt auf Gustav. Es stirbt: Agnes. Ein Psychothriller erster Güte. Die Personen verstricken sich immer mehr, stürzen immer tiefer ins Chaos, erst recht im zweiten Teil. Und am Schluss ist nur noch eine der Hauptpersonen am Leben. Kaltblütige Morde, verzweifelte Charaktere, verwirrte Menschen, eitle Kaufleute, aufflackernde Liebe, windiger Opportunismus: alles drin. Gut und Böse sind nur noch vage Orientierungspunkte in einem flackernden Universum.

Auch Holteis Sprache ist diesem Durcheinander angemessen. Düster schildert sie all die Verwicklungen, die Verwirrungen, aber ohne moralischen Zeigefinger, ohne Wertungen, so dass man sich mal mit diesem, mal mit jenem identifizieren und sie gut verstehen kann. Wie eine dunkle Nebelwand liegt die Trostlosigkeit über der Handlung, selbst wenn einmal Positives beschrieben wird. Man ahnt schon: Das kann nicht gut ausgehen. Aber wie Holtei das Ende ansteuert und über viele Seiten verfolgt, das ist schon meisterhaft. Seine Spannungsbögen, seine Verflechtungen der verschiedenen Handlungsstränge sind solide, die retardierenden und bescheunigenden Elemente erstklassig gesetzt.

Dabei bleibt er, auch wo er nur andeutet, immer klar, hat seine Satzperioden im Griff, weiß genau, was er will. Hier findet man keinen romantischen Kitsch, keine überladenen Bilder, keinen symbolträchtigen Firlefanz. Wie Fontane setzt Holtei seine Wegmarken, klar und deutlich, präzise und gleichzeitig sehr gefühlvoll. Er beschreibt – in der Nachrevolutionsära, in der alles, Politik, Wirtschaft, Psychologie, auf die Übermacht Preußens zusteuerte – wacklige, vorsichtige, ängstliche menschliche Beziehungen, die immer wieder scheitern: Denn die Verhältnisse, die sind eben nicht so. Und Holtei weiß auch, dass man sich selbst und seine Umwelt fast planmäßig zugrunde richten kann, wenn man nur ordentlich will oder sich einfach treiben lässt. Aber das kommt in diesem Roman nicht als moralisches Programm. Sondern es zeigt sich von selbst, je weiter die Handlung sich entwickelt.

Lange war eine Neuauflage überfällig. Jetzt könnte die Forschung richtig losgehen. Aber wo ist eine Universität, die Herrn Rudolph ein Forschungsstipendium gibt? Nein, bestimmt nicht in Deutschland, wo man immer noch meint, dass es zwar eine angelsächsische, aber keine deutsche Krimitradition gibt.

Carl von Holtei: Schwarzwaldau. Hrsg. v. Dieter Paul Rudolph. Book on demand, 312. S., 24 Euro

Zu bestellen in jeder Buchhandlung und (porto- und versandkostenfrei) direkt beim Herausgeber: dpr@hinternet.de oder über seine Homepage >>> www.alte-krimis.de

Manchmal wundere ich mich

über manche Sätze in ansonsten guten Krimis. Gestern abend staunte ich über den Satz Bei der Fahrbereitschaft unterschrieben sie die Übernahme eines Zivilstreifenwagens und fuhren dann nach Mornington.
Muss man das wissen, dass sie unterschrieben? Ist das für irgendetwas relevant? Bringt das die Handlung weiter? Sagt das irgendetwas über die Charaktere aus?
Nein. Das ist einfach nur Füllsel. Amerikanische Creative-Writing-Schule. Oder einfach nur Schlamperei. In einem ansonsten schönen Krimi: Garry Disher: Schnappschuss. Unionsverlag. Eben gerade erst erschienen, gestern gekommen.

In loser Reihenfolge

werden hier auch Rezensionen erscheinen. Hier die erste. Auch zu lesen unter: www.literaturkritik.de oder gleich unter Dämonische Schatten und böse Amis

Dass ich gleich mit einem Verriss anfange, ist Zufall. Aber immerhin haben Bottini alle gelobt, soweit ich sehen konnte. Ich finde seine Romane nicht so gut. Und musste dann auch mal aufschreiben, warum.

Sie muss lernen, mit ihren Schatten und Dämonen zu leben.

Oliver Bottini hetzt den Leser seines zweiten Krimis durch viel Befindlichkeitskitsch

Schwarzwaldklinik und Bollenhut? So idyllisch, wie es die Fremdenverkehrsvereine wollen, ist der Südwesten auch nicht mehr. Denn plötzlich brennt ein kleiner Schuppen auf einem Feld bei Kirchzarten. Als die Feuerwehr kommt, explodiert er, ein Feuerwehrmann stirbt: Unter dem Schuppen war ein großes Waffenlager versteckt. Und dann trifft Louise Bonì bei der Spurensuche im Wald auf zwei Männer, deren Sprache sie nicht versteht: junge Südosteuropäer. Sie wird angeschossen. Und dann taucht ein Mann aus dem Nichts auf, bis zur Unkenntlichkeit vermummt, der ihre Wunde versorgt und wieder im Nichts des Waldes verschwindet.

Waffenschmuggel. Ex-Jugoslawien. Oder ein Lager von Islamisten? Pakistani? Attentäter? Alte Nazis, neue Nazis? Die Handlung in Bottinis neuem Roman „Im Sommer der Mörder“ ist sehr verwickelt, die Spuren führen mal hierhin, mal dorthin. Klar scheint nur, dass internationale Banden daran beteiligt sind, böse und gute Geheimdienste und Politiker und ein paar naive Menschen, die ja nur helfen wollen. Und deswegen bleibt es nicht eine Aufgabe der Kriminalpolizei Freiburg, deren verschiedene Abteilungen zusammenarbeiten müssen, sondern es wollen auch noch andere Dienste mitmischen: der BND und das BKA. Vielleicht sogar der CIA.

Endlich ein Krimistar: Oliver Bottini. Alle jubeln: Origineller, guter Plot, stimmige Sprache. Deutscher Krimipreis fürs Debüt. Und jetzt hat er eine Fortsetzung seines Romans „Mord im Zeichen des Zen“ geschrieben. Aber so gut wie der erste ist der zweite lange nicht. Zunächst der Plot: Der ist so verschachtelt und kompliziert aufgebaut, dass man die Verwicklungen kaum noch mitverfolgen kann. Man komme jetzt nicht damit, dass die Protagonistin, aus deren Perspektive das Ganze erzählt wird, selbst nicht durchsteigt. Oder dass das politische Leben eben so verwickelt ist. Das ist nur eine Ausrede.

Dann die Hauptpersonen. Die eigentlich nur eine ist: Louise Bonì, die Kommissarin. (Alle anderen spielen fast immer nur Stichwortgeber.) Bonì wird so stereotyp geschildert, dass es einem nach spätestens fünfzig Seiten reichlich auf die Nerven geht. Wie das jetzt im Kriminalroman Vorschrift ist, ist sie eine gebrochene Person, hat viele, viele persönliche Probleme, die seitenweise ausgebreitet werden und die mit dem Fall und der Handlung nicht das Geringste zu tun haben. Wie gesagt: Das ist inzwischen Vorschrift für den avancierten Kriminalroman.
Und so ist Bonì verantwortlich für den Tod eines Menschen, sie ist Alkoholikerin, bis ihr Chef sie beurlauben musste. Sie war dann einige Monate in einem Zen-Kloster und ist jetzt trocken. Zudem hat sie einen französischen Vater, den sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und gesprochen hat. Und sie hatte einmal einen Bruder, der vor vielen Jahre gestorben ist. Das ist alles ein bisschen viel auf einmal, kein Wunder, dass die Kommissarin ein wenig verstört ist. Und der Leser auch ein wenig verstört zurück bleibt. Denn es ist sehr wenig glaubhaft, wie Bottini das alles beschreibt. Er legitimiert noch jede unsinnige Wendung damit, dass Louise Bonì eben nicht recht durchblickt. Politisch nicht, kriminaltechnisch nicht und persönlich schon gleich gar nicht. Denn er versucht zwar, sie als eine sehr sensible Person zu schildern. Aber sie bleibt bei all dem Persönlichen, was man erfährt, trotzdem blass und blutleer. Das liegt an der so wenig sensiblen Sprache. Dazu später.

Natürlich ist der böse Ami schuld. Übrigens der böse Ami, dem sie vertraut, ohne überhaupt zu wissen warum. Ja, so sind die Amis, will uns Bottini sagen: Kaum traut man einem, ist er doch der Böse. Bis man sich bis dahin durchgewurschtelt hat, präsentiert Bo(tti)nì viele mögliche Antworten, viele Gerüchte, viele Informationen, die sich manchmal als bloße Irrtümer, falsche Schlussfolgerungen, manchmal aber auch als böswillige Desinformationen herausstellen. So ist halt das Leben: Keiner blickt durch, lernt man aus diesem Roman. Auch das ist ein wenig arg platt. Bonìs Fazit ist: „Hängt es nicht alles irgendwie zusammen?“ Tja, allerdings. Irgendwie.

Diese vielen inhaltlichen Unsicherheiten und Unklarheiten könnte man vielleicht noch verschmerzen, könnte den Roman als Durchgangsstation zum dritten, wieder in sich stimmigeren Roman werten. Aber da ist auch noch Bottinis Sprache. Weit entfernt davon, neu und frisch zu sein, wie manche Kritiker behaupten, ist sie über weite Strecken schablonenhaft wie die meisten Personen, wie ihr geheimnisvoller Retter und manche ihrer Kollegen. Viele von ihnen bleiben schemenhaft angedeutet, nebelig unklar, wie der mit einer Japanerin verheiratete Zen-Buddhist Richard Landen, mit dem sie so gerne schlafen würde und der über den Zen-Buddhismus auch nur Gemeinplätze von sich gibt. Wie redet Bonì von ihrer Sucht? Das sind immer „lauernde Dämonen“. Und zwar nicht nur einmal, sondern phrasenhaft immer gleich. Wer wirklich wissen will, wie man das Innere einer Alkoholikerin literarisch umsetzt, sollte A.L. Kennedys „Paradies“ lesen. Bei Bottini bleibt diese Facette von Louises Leben mehr als platt. Recht häufig versteigt er sich auch zu solchen Drewermann-artigen Gutmensch-Sentenzen: „Almenbroich hatte Recht. Obwohl sie sich so verändert hatte, blieb sie, was sie gewesen war.“

Im Schlussteil wiederholt Bottini alle paar Seiten, dass sowohl Bonì als auch ihr Kollege Thomas Ilic für die multinationale Arbeit am besten geeignet sind, weil sie selber multinational sind: sie französisch-deutsch, er kroatisch-deutsch. Selbst wenn das stimmen sollte, was bei gesundem Menschenverstand zu bezweifeln ist: Das hatte man längst schon beim ersten Mal verstanden, die ständigen Wiederholungen nerven gehörig. „Mal ist man deutsch, mal nicht“, heißt es ständig. So wie dieser unsinnige Satz sind viele seiner Bilder und Metaphern häufig abgedroschen und oberflächlich. So etwa, beim zufällig Aufschlagen gefunden: „Richard Landens Augen glühten. Er war unrasiert, trug Jeans und T-Shirt. Sie sah und spürte, dass er auf dem Sprung in ein neues Leben war. Aber der Abschied vom alten fiel ihm nicht leicht.“ Oder: „Ihre Schatten würden in ihr bleiben. Sie würde lernen müssen, mit ihnen zu leben.“ Das ist purer Befindlichkeitskitsch.

Bottini pflegt eine Stummelsprache, die den Leser immer weiter hetzt. Einen ruckartigen Holperstil, der kurz ist. Der treibt. Der das brüchige Leben anreißt. Das „musivische Dasein“ wiedergibt, das „Tablett voll glitzernder snapshots“, wie es Arno Schmidt mal genannt hat. Bottini verstärkt das Gehackte noch durch viele Absätze, die den Lesefluss weiter zerreißen. Das mag noch stimmig sein, um Bonìs zerhacktes Empfinden und ihr assoziatives Denken zu charakterisieren. Aber man merkt doch schnell, dass Bottini zu einem schwingenden Rhythmus und stimmigen Sprachbildern gar nicht fähig ist. Und das klingt bei ihm dann immer so: „Sie musste schmunzeln. Sie waren im selben Jahrzehnt kulturell geprägt worden, das schlug manchmal durch. Sie begann, sich sehr wohl zu fühlen. Die Musik vermittelte ihr ein Gefühl von Heimat.“ Da ist dann ganz schnell gar kein Gefühl mehr in der Sprache, keine Musik und keine Heimat.

Und immer wieder, mit einer stupiden Stereotypie, die den Leser nicht ernst nimmt, sondern ihn mit dem Holzhammer bearbeitet, verfällt Bonì in private Assoziationen, die wohl ihre große Sensibilität und ihre Verstörtheit andeuten sollen. So wie bei ihrem Besuch bei Landen: „Sie hielt das (Espressotässchen) am Rand, den Henkel hätte sie vermutlich abgebrochen. Sie tranken im Stehen. Niksch war da und nicht da. Vielleicht war die Erinnerung an ihn nur deshalb noch so schmerzhaft, weil sie ihn damals im Wald gefunden hatte. Weil sie ihn wenige Minuten, nachdem er gestorben war, in den Armen gehalten hatte. Wenn sie ihn nicht gefunden hätte, hätte sie sich auf eine andere, schönere Weise an ihn erinnert. Wenn sie ihn nicht in den Tod geschickt hätte. Aber sie hatte ihn nicht in den Tod geschickt. Sie hatte ihn nur gebeten, auf Taro aufzupassen.“ (Taro ist der Zen-Mönch im ersten Band, Niksch ein Polizist. Häufig wird derart etwas angerissen, was jemand, der den ersten Band nicht gelesen hat, gar nicht verstehen kann. Auch kein besonders gelungener Trick, die Leute zum Kaufen auch des ersten Bandes zu zwingen.)

So wie in dieser Passage fallen Bonì ihre Verstörungen, ihre Ängste, ihre Neurosen zwischendurch immer wieder ein, gerne bei einer Hetzjagd im Wald, wenn viel action angesagt ist. Oder in der Polizeistation. Oder im Auto. Immer wieder wird überdeutlich gesagt bzw. behauptet, dass Louise Bonì ganz besonders sensibel ist, dass sie deswegen tiefer blickt, dass sie genau deswegen so verstört ist und gegen ihre Dämonen kämpft wie sonst neimand. Und das ist nun ganz besonders platt und nervig.

Bottini gelingen immer mal wieder schöne Bilder, er hat Ansätze von Plots, die spannend und glaubhaft sind. Aber er hat, das beweist er in seinem zweiten Roman, keine Sprache, die dem Inhalt angemessen wäre, penetrant flüchtet er sich in Floskeln und Befindlichkeitskitsch, die die Ansätze von Lebendigkeit, von Glaubhaftigkeit, von Charakter immer wieder zerstören. Am Stil, an der Sprache muss er noch gehörig arbeiten, um ihnen die Schwülstigkeit austreiben. Dann wird aus der behaupteten Sensibilität seiner Hauptperson eine wirkliche, auch erzählerische.

Oliver Bottini: Im Sommer der Mörder. Scherz Verlag. 460 S., 14,90 Euro. ISBN 3-502-11000-x

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