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Sonntag, 4. Juni 2006

Noch mal Montaigne:

"Bei meinen Untersuchungen unserer Beweggründe und Verhaltensweisen sind mir jedenfalls die erdichteten Zeugnisse, soweit sie möglich scheinen, ebenso dienlich wie die wahren. Geschehen oder nicht, in Paris oder Rom, dem Hinz oder Kunz - stets zeigen sie mir, wozu Menschen fähig sind, und das zu wissen, ist mir nützlich: Ich sehe mir jedes Beispiel an und ziehe hieraus, ob Wirklichkeit oder deren Schatten, meinen Gewinn; und von den verschiedenen Lesarten, die solche Geschichten oft bieten, bediene ich mich der jeweils ungewöhnlichsten und denkwürdigsten."

Seine Essays sind wunderschöne Beispiele von klugen, selbstkritischen, stilistisch brillanten, tastenden, persönlichen Versuchen über sich selbst, über die Welt, über Gott, über die eigenen Vorurteile, über die Gefühle. Über alles. Sehr zu empfehlen. Nicht so sehr die uralte Übersetzung von Johann Daniel Tietz, die es bei Diogenes gibt. Auch nicht die neue und m.E. zu Unrecht so in den Himmel gelobte von Hans Stilett (grausiges Pseudonym übrigens), sondern am schönsten und sensibelsten von Matthias Greffrath. Ich glaube, die kommt demnächst wieder neu raus, sonst sollte man sie antiquarisch suchen. Leider sind sie nicht vollständig, sondern nur eine winzige Auswahl. (Da hat Diogenes aber mal wieder gepennt.)

Am besten, man lernt Französisch und liest Montaigne im Original. So wie Jorge Luis Borges Deutsch gelernt hat, um Schopenhauer lesen zu können. Tja.

Montaigne

"Dies hier ist ein aufrichtiges Buch, Leser. Es warnt dich schon beim Eintritt, daß ich mir darin kein anderes Ende vorgesetzt habe als ein häusliches und privates. Ich habe darin gar keine Achtung auf deinen Nutzen noch auf meinen Ruhm genommen. Meine Kräfte sind eines solchen Vorsatzes nicht fähig. Ich habe es dem persönlichen Gebrauch meiner Angehörigen und Freunde gewidmet, auf daß sie, wenn sie mich verloren haben (was ihnen recht bald widerfahren wird), darin einige Züge meiner Lebensart und meiner Lebensart und meiner Gemütsstimmung wiederfinden und durch dieses Mittel die Kenntnis, die sie von mir hatten, völliger und lebendiger erhalten können.

Hätte es mir gegolten, die Gunst der Welt zu suchen, so hätte ich mich besser herausgeputzt und würde mich in zurechtgelegter Haltung vorstellen.

Ich will, daß man mich darin in meiner schlichten, natürlichen und gewöhnlichen Art sehe, ohne Gesuchtheit und Geziertheit: denn ich bin es, den ich darstelle. Meine Fehler wird man hier finden, so wie sie sind, und mein unbefangenes Wesen, soweit es nur die öffentliche Schicklichkeit erlaubt hat. Und hätte ich mich unter jenen Völkern befunden, von denen man sagt, daß sie noch der sanften Freiheit der ersten Naturgesetze leben, so versichere ich dir, daß ich mich darin sehr gerne ganz und gar abgebildet hätte, und splitternackt. So bin ich selber, Leser, der einzige Inhalt meines Buches; es ist nicht billig, daß du deine Muße auf einen so eitlen und geringfügigen Gegenstand verwendest."

Vorrede zu den "Essais" von Michel de Montaigne, geschrieben am 1. März 1580

(wo mich Saskia gestern gefragt hat, wer mein Lieblingsphilosoph ist: Montaigne. Eindeutig.)
(Und das hier noch für Anobella: Walter Wagner "Franzose wäre ich gern gewesen". Zur Rezeption französischer Literatur bei Thomas Bernhard. Frankfurt / Main, Berlin u. a.: Peter Lang, 1999. 148 S., brosch.; ISBN 3-631-34585-2. )

Philosophisches über Schokolade

nämlich von Isabel Dalhousie, Herausgeberin der "Zeitschrift für angewandte Ethik":

Es rückte den Begriff der Akrasia, Willensschwäche, in den Mittelpunkt. Obwohl uns bekannt ist, dass Schokolade schlecht für uns ist – und nicht allein aus dem Grund, weil man davon zunimmt – , essen wir häufig zu viel Schokolade. Warum? Es legt die Schlussfolgerung nahe, dass wir einen schwachen Willen haben. Aber wenn wir Schokolade essen, dann deswegen, weil wir glauben, zu unserem eigenen Nutzen zu handeln; unser Wille treibt uns dazu an, das zu tun, was uns gefällt. Unser Wille ist also nicht schwach, im Gegenteil, er ist sogar recht stark, und er veranlasst uns, das zu tun, was wir wirklich wollen, nämlich Schokolade essen. Das Thema Schokolade war sehr heikel.

aus: Alexander McCall Smith: Das Herz des fremden Toten. Ein neuer Fall für Miss Isabel. Blessing Verlag

Das Gedicht des Tages

steht bei Watching the Detectives: ein Krimigedicht. Hier nur der vielversprechende Anfang:

Der Tag so licht,
das Auge bricht.
Die Sonn' so strahl,
tief drang der Stahl.

Von Raphael "dem berühmten saarländischen Illustrator" Wünsch

Verkehr im Roman

wäre nicht nur ein Thema für eine Dissertation. Manchmal passen die Sätze einfach:

"Sir", verabschiedeten sie sich und machten sich wieder auf die Suche nach höflichen Autofahrern - ein Widerspruch in sich, wie sie nur allzu gut wussten.

Gefunden in "Schnappschuss" von Garry Disher (ist übrigens tatsächlich ein Vorausexemplar).

Sonntag. Pfingsten:

Zeit der Ruhe. Zwei Tage nicht einkaufen gehen müssen, sich nicht in die Fußgängerzonen stürzen müssen, sich als Radfahrer nicht vor den aggressiven Autofahrern durch einen Sprung zur Seite retten müssen... Nicht müssen. Lesen, spazieren gehen, kochen & essen. Ruhen, besinnen.

Diese jüdische Erfindung des arbeitsfreien Tags ist herrlich. Müssten alle Christen und alle Arbeiter jeden Sonntag einmal ein Dankgebet sprechen oder eine "Internationale" ihnen zu Ehren absingen. Manchmal überlege ich, ob es nicht sinnvoll und herrlich beruhigend und aus dem Alltag katapultierend wäre, es wäre auch bei den Christen alles verboten: Geld anfassen, ein Fahrzeug besteigen, einen elektrischen Schalter betätigen...

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Lesebefehl (-empfehlung)

A.L. Kennedy: Was wird Wagenbach Verlag --------------------------------------------- Shaun Tan: Die Fundsache. Carlsen Verlag --------------------------------------------- Brigitte Kronauer: Zwei schwarze Jäger. Verlag Klett-Cotta --------------------------------------------- Loisel / Tripp: Das Nest. Carlsen Verlag --------------------------------------------- Christian Geißler: Wird Zeit, dass wir leben. Rotbuch Verlag. vergriffen --------------------------------------------- Yijing. Theseus Verlag. vergriffen Hat jemand ein Exemplar für mich?

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