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Dienstag, 20. Juni 2006

Gedicht des Tages:

Meditatio

When I carefully consider the curious habits of dogs
I am compelled to conclude
That man is the superior animal.

When I consider the curious habits of man
I confess, my friend, I am puzzled.

Ezra Pound

Die Tote auf der Couch. Jean-Pierre Gattégno schreibt über einen trotteligen Psychoanalytiker

Der Mann ist ein Trottel. Man kann es kaum anders ausdrücken. Er ist französischer Psychoanalytiker, und kein besonders guter: Immer wieder schläft er ein, wenn „seine Neurotiker“ - eine masochistische Kleptomanin, ein „Schnellschießer“, eine verklemmte Mathematiklehrerin – auf der Couch liegen und ihm sermonhaft ihre Gedanken, Assoziationen und Träume erzählen. Es ist sogar so schlimm geworden, dass seine Frau, auch eine Analytikerin, ihm sagen musste: „Für’s Pennen wirst du nicht bezahlt.“ Nun, doch, denn die Leut’ geben ihm brav immer wieder Hunderte von Francs für’s Nichtstun.

Und dann liegt seine Kleptomanin Olga auf der Couch, und er pennt wieder ein, und dann wacht er wieder auf, und Olga liegt immer noch auf der Couch, aber nun ist sie tot. Erwürgt. Was tun? Michel Durand weiß gar nicht, was er tun soll, er ist völlig verwirrt. Er versucht, sie wiederzubeleben, was ihm nicht gelingt. (Dabei beobachtet ihn seine Putzfrau, die denkt, er hätte Sex mit einer Patientin.) Polizei anrufen? Er versucht, seinen Freund Chapireau im nahegelegenen Komissariat zu erreichen, aber der ist nicht da. Er überlegt: Wird man mir glauben? Natürlich nicht. Und dann kommen die nächsten Klienten. In seiner hirnlosen Panik versteckt er die Leiche erst einmal unter der Couch. Seiner Geliebten überlegt er, folgende Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen: „Wärhend ich schlief, wurde eine Patientin erwürgt - kann sein, dass ich der Täter bin – liefere mich der Polizei aus – begehre dich nach wie vor – Michel.“

In diesem Stil geht es durch den ganzen Roman. Durand ist und bleibt trottelig. Seinem Supervisor, dem uralten Zlibovic (!), der Freud und Lacan noch gekannt hat, erzählt er von der Sache, aber der kann ihm auch nicht raten. Seine Patienten spüren die seltsame Atmosphäre und machen laufend Anspielungen. Denkt er. Natürlich steht auch noch Olgas Auto vor der Tür und lässt sich nicht wegbewegen, weil die Batterie eingefroren ist. Und dann ist da noch der Arbeitslose Herostrat, der im Viertel herumstreunt und Andeutungen macht. Oder versteht Michel das alles falsch? Versteht er, weil er Psychoanalytiker ist, hinter allem, was gesagt wird, immer noch etwas anderes? Oder überhaupt etwas ganz anderes?

Eines Nachts, als er betrunken heim kommt, hat er einen wüsten Traum. Er wacht auf und merkt, dass er sein Kopfkissen würgt. Als ihn seine Geliebte anspricht, ist das einzige, was ihm einfällt, nachzusehen, ob sie auch solche Strümpfe anhat wie Olga. Als er die Tote in seinen Wagen schleppen will, legt er eine 1-a-Slapsticknummer hin, um die ihn Buster Keaton beneidet hätte. Schließlich wird auch noch Olgas Mann, der ihn besuchte und bedrohte, erschossen, als er gerade in dessen Villa ist. Und es fehlen 7 Millionen Francs. Ein kunterbuntes Durcheinander.

Es ist sehr schön, einmal einen Psychoanalytiker zu erleben, der nicht wie in den meisten Filmen und Romanen der Allwissende ist, die graubärtige Eminenz, die noch den letzten Traum entschlüsseln kann. Ganz im Gegenteil: Hier ist ein Analytiker, der gar nichts versteht. Mehrfach gerät er in Verdacht, wird vorgeladen und verhört, überlegt sich voller Panik, was er jetzt wieder falsch gemacht hat, bittet auf dem Friedhof Père Lachaise, wo er Olga vergraben will, einen nächtlichen Passanten, ihm zu helfen: Es geht alles schief. Nichts wird aufgeklärt.

Ist das der Zustand der Psychoanalyse? Neidische Analytiker, die über die amerikanischen Kollegen herziehen, weil die sich gegen schlecht behandelte Patienten versichern lassen und sich Sorgen um einen Fluchtweg vom Sessel zur Tür überlegen? Geldgierige Analytiker, die sich enorme Summen bezahlen lassen für nichts und wieder nichts? Einschlafende Analytiker, die überhaupt nicht interessiert, was die Patienten da von sich geben? Patienten, die auch nicht zu interessieren scheint, was mit ihnen gemacht (bzw. nicht gemacht) wird? Am Schluss heißt es: „Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wie ein Psychoanalytiker gesprochen zu haben.“ Soll man das glauben? Ich hoffe, der Roman ist eine Karikatur der Psychoanalytiker. Ich fürchte, es ist keine.

Abgesehen von dieser bitteren Erkenntnis: Der Roman liest sich sehr locker, ist in seinen Verästelungen und Verirrungen des armen Analytikers, dem niemand helfen kann, witzig und leicht geschrieben, bietet ständig Überraschungen, ist gut beobachtet. Geschrieben ist er aus der Ich-Perspektive, sodass man dem von sich, den Patienten und seinen Frauen, das heißt: vom Leben völlig überforderten Mann gut folgen kann. Eine nette, kleine Lektüre. (Was allerdings der schwachsinnige und völlig sinnlose Titel soll, wird einem niemand je erklären können.)

Jean-Pierre Gattégno: Schnee auf den Gräbern. Btb-Taschenbuch 1999, 254 S., 8,50 Euro

Turandot

ist nun auch eine etwas doofe Geschichte. Oder man könnte sagen: ein Märchen. Die haben ja immer ihre eigene Struktur und Logik.

Da stellt also eine Prinzessin den Männern, die um sie werben, drei Rätselfragen - wer sie nicht beantworten kann, wird geköpft. Alles aus Rache für die Vergewaltigung und Verschleppung einer ihrer Ahninnen. Das Volk ist begeistert: Blut und Spiele. Und als dann mal einer kommt, der die Fragen beantworten kann, will sie ihn nicht, wie versprochen, heiraten.

Kann man das verstehen? Ja, schon, finde ich. So sind Opern halt. Wie Märchen. Man muss das auf eine höhere Ebene schieben, nicht nur danach gucken: Hält die story? Passt das alles? So ist das eben bei Kunst. Natürlich nervt es ein wenig, wenn sich ein blondern Recke hinstellt und minutenlang plärrt: "Siegfried bin ich und Siegfried heiß' ich." Ich würde so einen Schmarren wegkürzen, als Regisseur (Leider wollen mich die in Bayreuth nicht, die nehmen lieber Tankred Dorst...). Aber dafür gibt es stundenlang gute Musik.

Auch bei Turandot. Jahrelang hat Puccini die Oper vor sich her geschoben und immer wieder daran herumgebastelt und nicht fertiggekriegt und schließlich ist er darüber gestorben. Und das liegt nun wirklich an der Story, die auch Puccini nicht überzeugte und die er nicht in den Griff bekam. Zu durcheinander die Handlungsstränge, Liu liebt Kalaf, Kalaf liebt Turandot, Turandot liebt niemanden. Liu opfert sich (hochdramatisch), Kalaf will sich notfalls opfern, weil er eine blödsinnige Bedingung gestellt hat: Sage mir meinen Namen bis Sonnenaufgang! Und Turandot will ALLE Pekingnesen umbringen, wenn man ihr nicht seinen Namen sagt.

Also alles ziemlich verworren.

Aber die Musik. Die Musik ist reifer Puccini: wuchtig, schmelzend, süß, melancholisch. Da vergisst man dann gerne, dass es handlungsmäßig nicht mit rechten Dingen zugeht.

In Karlsruhe gab es jetzt eine hübsche Inszenierung von Denis Krief, schön minimalistisch im Bühnenbild, mit einem wunderbaren Chor, der meistens auf einer Galerie stand, manchmal verdeckt wurde, in roten, blauen und grünen Mao-tse-tung-Kostümen. Gesungen wurde ganz passabel und akzeptabel, die Spitzenarien (nessun dorma - die Fußballfreunde kennen sie) sogar sehr gut. Gespielt wurde übertrieben und etwas verkrampft. Schöne Lichteffekte gab es auf der leeren Bühne und zauberisch-poetische Situationen, in denen der Mond in einer Luftballon-Nummer beschworen wurde, und witzige Clowns-Nummern. Alles in allem ein schönes Sonntagabenderlebnis (und nur kurz über zwei Stunden, mit einer Pause, in der man in aller Ruhe und in der Sommer-Abendsonne seinen Champagner trinken konnte).

Metapher:

„Verwende nie eine Metapher, ein Gleichnis oder eine andere rhetorische Figur, die du schon einmal gedruckt gesehen hast.“
George Orwell

Adjektiv:

„Wenn Sie ein Adjektiv verwenden wollen, dann kommen Sie zu mir den dritten Stock und fragen, ob es nötig ist.“ Georges Clemenceau

Wo ich das gefunden habe, weiß ich leider nicht mehr.

Da hat er recht,

der Jan Seghers:

Nachdem nun die Vaterlandsliebe wieder einen Großteil der Hirne und Blätter füllt, will auch der dumpfe Thomas Brussig Tritt fassen und zeigen, dass er das Herz auf dem rechten Fleck trägt: „Ich bekenne: Auch ich habe gesungen und die deutschen Farben stundenweise im Gesicht getragen. Vermutlich werde ich es wieder tun. Eine Stimmung hat mich erfasst.“ Alle Mann in Deckung! „Aber dass der Satz ‚Ich bin stolz ein Deutscher zu sein’ nicht mehr automatisch bedeutet ‚Ich bin stolz, ein Rechter zu sein’, ist doch schon mal was.“ Aber was eigentlich? Auf jeden Fall ein womöglich folgenschwerer Irrtum.

Ruin und Unsinn überall

auch bei Besuchen:

Gehe ich allein zu Karrer, bin ich für Wochen, wenn nicht für Monate, wenn nicht für immer, ruiniert, sagt Oehler. Auch wenn Sie Karrer besuchen, sagt Oehler zu mir, ruinieren Sie sich. Und gehen wir gemeinsam, hat ein solcher Besuch die gleiche Wirkung auf uns beide. Einen Menschen in dem Zustand zu besuchen, in welchem sich Karrer jetzt befinde, sei Unsinn, weil einen Menschen besuchen, der vollkommen und endgültig verrückt sei, unsinnig sei.

Schirrmacher führt zu nichts.

Das haben wir uns schon gedacht. Jetzt schreibt es auch die FR,
und macht sogar einen kriminal-literarischen Schlenker:

Zwar lassen sich historisch-empirisch etliche Begebenheiten anführen, was Schirrmacher auch nicht müde wird zu tun, um die Überlebensdienlichkeit verwandtschaftlicher Blutsbande darzulegen. Doch normativ folgt daraus, von Erbaulichkeiten einmal abgesehen, nichts. Denn sogar in den besten Familien kommt es zu Mord und Totschlag, ein literarischer, vor allem aber sozialpolitischer Befund, kriminalstatistisch und also auch empirisch klar belegt. Auf die liebe Verwandschaft ist nicht immer Verlass.

Die Waage ist ein Protestant

behauptet die taz in einem etwas bauchigen Artikel:

Statt die Waage als ebenfalls leicht bauchigen Komplizen zu schätzen, muss man sie als kühlen Richter akzeptieren. In der Sprache der Konfessionen formuliert: War das Wiegen ehedem katholisch kodiert, da man mit den eigenen Sünden recht gemütlich umging, ist es nun Ausdruck einer protestantischen Mentalität geworden. Schon bei einer geringen Abweichung vom Idealgewicht oder einer negativen Trendanzeige droht der Verdacht, man habe sein Leben nicht im Griff. Man wird zu genauer Buchführung und Regelmäßigkeit angehalten; ein Augenzwinkern ist nicht angebracht.

Denn:

Mittlerweile messen etwas ambitionierte Fabrikate auch nicht mehr nur das bloße Gewicht, sondern ebenso Körperfett und -wasser sowie den Muskelanteil; es gibt "Diagnosewaagen" und sogar Waagen mit einer "Trendanzeige", die die Ergebnisse vorangehender Wiegungen speichern und so Abweichungen von einem anvisierten Ziel dokumentieren. An jede Verfehlung, die sich sonst erfolgreich verdrängen ließe, wird man also wiederholt erinnert; schnelle Sühne ist ausgeschlossen.

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A.L. Kennedy: Was wird Wagenbach Verlag --------------------------------------------- Shaun Tan: Die Fundsache. Carlsen Verlag --------------------------------------------- Brigitte Kronauer: Zwei schwarze Jäger. Verlag Klett-Cotta --------------------------------------------- Loisel / Tripp: Das Nest. Carlsen Verlag --------------------------------------------- Christian Geißler: Wird Zeit, dass wir leben. Rotbuch Verlag. vergriffen --------------------------------------------- Yijing. Theseus Verlag. vergriffen Hat jemand ein Exemplar für mich?

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