Gottfried Benn: Briefe.
Briefwechsel mit dem Limes Verlag (Klett Cotta, 2006). Habe ich gerade durchgesehen für meine Arbeit über Rainer M. Gerhardt. Eine wirklich (in Bezug auf Gerhardt) schlecht gemachte Edition. Mal abgesehen davon, dass nur Benns Briefe abgedruckt sind und nicht auch die seines Briefpartners, Max Niedermayer, die alle erhalten sind: Sowas macht man nicht.
Bei der ersten Erwähnung von Gerhardt wird er gar nicht erläutert - zitiert wird Paeschke, der Gerhardt Übersetzungen von Ezra Pounds Gedichten angreift (zu Unrecht, wie ich aus dem Vergleich der Übersetzungen von Gerhardt und Eva Hesse weiß, die Leser des Benn-Briefwechsel können das nicht wissen, denn Gerhardts Übersetzungen sind nicht greifbar). Bei der zweiten Stelle wird Gerhardt in einem Satz in der Anmerkung erläutert. Stelle 3 sagt gar nichts zu Gerhardt. Alle drei Stellen sind abfällige Bemerkungen von Gottfried Benn über Gerhardt. Eine ganz schlechte Herausgeberarbeit: Marguerite Valerie Schlüter und Holger Hof. Miserabel.
Denn: Es gibt Reden, in denen sich Benn lobend über Gerhardt geäußert hat, und Briefe von ihm an Gerhardt, in denen eine Zusammenarbeit angedeutet wurde. Erst als Gerhardt ihn in seiner kritischen Beilage "rundschau der fragmente" angegriffen hat, wurde Benn bissig. Erst als Gerhardt an Benns selbstgebasteltem Thron rüttelte und man merkte, dass hier ein Lyriker saß, der nicht zur Moderne gehörte, sondern auf das lyrische Alteisendepot (kein Wunder, dass das konservative Feuilleton ihn zum Propheten hochstilisierte: die wollten keine Avantgarde, die wollten sich, wie heute bei Durs Grünbein, ins Mythen-Altenheim geschaukelt fühlen). Gerhardt schreibt lapidar und pointiert: "Benn lehnt rückgriffe und sentiment ab. Wir müssen ihm aber bescheinigen, dass seine gedichte rückgriffe und sentiment sind. Sie sind ein sichgehenlassen in gefühlen, in stimmungen, aufgebauscht mit dem technischen können eines mannes, dem es möglich wäre, bei mehr härte und bei mehr disziplin gegenüber der sprache und gegenüber dem gedicht, wesentliches hervorzubringen."
Da begann Benn zu hetzen, wollte Gerhardt nicht mehr akzeptieren, stahl ihm sogar den Titel "fragmente" für seine nächste Gedichtsammlung und versuchte, auch Max Niedermayer zu beeinflussen. Von all dem steht in der Ausgabe mit ausgewählten Briefen kein einziges Wort, und auch die CD-ROM, die den vollständigen Briefwechsel (hier endlich die Antworten) als pdf-Datei bietet, sagt nichts dazu. Keine Relativierung der Aussagen von Benn, nicht einmal eine Erklärung. Auf den Knien herausgegeben der Band. Sehr ärgerlich.
(Ob das überall so ist, kann ich nicht sagen. Im Fall Gerhardt ist es so.)
Bei der ersten Erwähnung von Gerhardt wird er gar nicht erläutert - zitiert wird Paeschke, der Gerhardt Übersetzungen von Ezra Pounds Gedichten angreift (zu Unrecht, wie ich aus dem Vergleich der Übersetzungen von Gerhardt und Eva Hesse weiß, die Leser des Benn-Briefwechsel können das nicht wissen, denn Gerhardts Übersetzungen sind nicht greifbar). Bei der zweiten Stelle wird Gerhardt in einem Satz in der Anmerkung erläutert. Stelle 3 sagt gar nichts zu Gerhardt. Alle drei Stellen sind abfällige Bemerkungen von Gottfried Benn über Gerhardt. Eine ganz schlechte Herausgeberarbeit: Marguerite Valerie Schlüter und Holger Hof. Miserabel.
Denn: Es gibt Reden, in denen sich Benn lobend über Gerhardt geäußert hat, und Briefe von ihm an Gerhardt, in denen eine Zusammenarbeit angedeutet wurde. Erst als Gerhardt ihn in seiner kritischen Beilage "rundschau der fragmente" angegriffen hat, wurde Benn bissig. Erst als Gerhardt an Benns selbstgebasteltem Thron rüttelte und man merkte, dass hier ein Lyriker saß, der nicht zur Moderne gehörte, sondern auf das lyrische Alteisendepot (kein Wunder, dass das konservative Feuilleton ihn zum Propheten hochstilisierte: die wollten keine Avantgarde, die wollten sich, wie heute bei Durs Grünbein, ins Mythen-Altenheim geschaukelt fühlen). Gerhardt schreibt lapidar und pointiert: "Benn lehnt rückgriffe und sentiment ab. Wir müssen ihm aber bescheinigen, dass seine gedichte rückgriffe und sentiment sind. Sie sind ein sichgehenlassen in gefühlen, in stimmungen, aufgebauscht mit dem technischen können eines mannes, dem es möglich wäre, bei mehr härte und bei mehr disziplin gegenüber der sprache und gegenüber dem gedicht, wesentliches hervorzubringen."
Da begann Benn zu hetzen, wollte Gerhardt nicht mehr akzeptieren, stahl ihm sogar den Titel "fragmente" für seine nächste Gedichtsammlung und versuchte, auch Max Niedermayer zu beeinflussen. Von all dem steht in der Ausgabe mit ausgewählten Briefen kein einziges Wort, und auch die CD-ROM, die den vollständigen Briefwechsel (hier endlich die Antworten) als pdf-Datei bietet, sagt nichts dazu. Keine Relativierung der Aussagen von Benn, nicht einmal eine Erklärung. Auf den Knien herausgegeben der Band. Sehr ärgerlich.
(Ob das überall so ist, kann ich nicht sagen. Im Fall Gerhardt ist es so.)
Giorgione - 28. Jun, 22:16