Dienstag, 22. März 2016

Ein Liebeszauber für die Eltern. Emanuel Bergmanns Debütroman erzählt von den Tricks der Magie und den Wundern des Lebens

Joey aus der Klasse 4 A hat Max gewarnt: "Sie werden mit dir essen gehen und dich fragen, worauf du Lust hast", und Joey bat Max, nicht den gleichen Fehler wie er zu machen: "Ich hab gesagt: Pizza." Und dann sind sie zu Mickey's Pizza Palace gegangen und haben ihm beim Essen gesagt, dass sie sich scheiden lassen. Und seitdem mag Joey keine Pizza mehr.

Bergmann

"Max war überzeugt, dass seine Eltern so etwas niemals tun würden. Sie liebten ihn, sie liebten einander. Und das war's." Aber dann fragt sein Vater ihn, ob er mit ihnen essen gehen will: "Wo du willst". Und er sagt zum Erstaunen seiner Eltern: Sushi. "Es war ihm völlig egal, ob er jemals wieder rohen Fisch essen würde." Er isst Thunfisch, Schwertfisch und Seeigeleier, obwohl die nicht koscher sind. Und dann sagen ihm seine Eltern, "dass sie ihn sehr, sehr lieb hätten und dass sich für ihn absolut nichts verändern würde." Und er sagt sich immer und immer wieder: "Pizza, wenigstes Pizza bleibt mir noch". Immerhin, nun ist auch er ein Star in der Klasse, die Mädchen nehmen ihn in den Arm: "Von nun an war er ein Mann. Die Scheidung deiner Eltern, das wusste Max jetzt, war deine wahre Bar-Mizwa."

Als sein Vater dann auszieht, weil sich natürlich doch einiges veränderte, findet er eine alte Schallplatte von einem Zauberer, dem "Großen Zabbatini", auf der er mit schrägem Akzent am Schluss einen Liebeszauber verspricht. Dummerweise hat die Platte genau da einen Sprung. Max denkt, genau das bräuchte er: einen Liebeszauber, mit dem er seine Eltern wieder zusammenbringen könnte. Und so macht er sich auf den Weg, diesen Zauberer zu finden. Es passiert ein kleines Wunder: Er findet ihn in einem Altersheim. Aber der Große Zabbatini, alt und müde und verbittert geworden, will sich grade das Leben nehmen. Ist mürrisch, egoistisch und oft alkoholisiert.

Auf zwei Ebenen spielt der Debütroman von Emanuel Bergmann: Da ist die Geschichte des zehnjährigen Max Cohn, der unter der Trennung seiner Eltern leidet und jetzt auf die Magie hofft. Und die Geschichte von Mosche Goldenberg, der als 15-Jähriger von zu Hause wegrennt und sich einem Zirkus anschließt. In diesem Leben reiht sich Wunder an Wunder, schon seine Empfängnis war eines, denn sein Vater, Laibl Goldenhirsch, ein Rabbiner, war zu der Zeit im Krieg. Und seine Mutter Rifka musste in der Zeit ihren Nachbarn, den Schlosser Mosche trösten, dessen Frau ihn verlassen hatte. Laibl überlegte: "Was war es noch gleich, woran die Gojim glaubten? Was hatte die vermeintliche Jungfrau Maria zu ihrem Joseph gesagt?" Ein Wunder also, eine unbefleckte Empfängnis. Und nach vielem Überlegen entschloss sich auch Laibl, daran zu glauben. Immerhin war es ein Sohn, das einzige Kind.

Als Rifka ein paar Jahre danach stirbt, reißt Mosche Goldenberg aus. Mosche der Schlosser hatte ihn in den Zirkus mitgenommen, und Mosche erlebte dort das Wunder der Liebe, mit Julia, der Assistentin eines Zauberers. Denn, das nächste Wunder: Sie erhört ihn. Gemeinsam reisen sie durch Österreich und Deutschland, der Zauberer bringt ihm seine Zaubertricks bei. Dass er Jude ist, interessiert ihn nicht: „Wir sind hier beim Zirkus. Wir sind alle gleich. Im Theater ist jeder ein Edelmann Wir sind Künstler, und es gibt nichts Edleres als die Kunst.“ Und macht ihn, da es 1934 doch sicherer ist, zu einem Prinzen aus Persien. Denn, wie der Zauberer erklärt, die Nazis "halten sich für die Nachkommen der arischen Stämme. Aus Persien." Er nennt ihn Zabbatini: "Wie der Sabbat, nur mit einem 'ini' am Ende und einem 'Z' am Anfang. Nicht schlecht, was?"

Der Roman, der zwischen den dreißiger und vierziger Jahren in Berlin und 2007 in Los Angeles hin und her springt, erzählt auch das Wunder, wie Goldenberg die Nazizeit überlebt, wie er in Hannover dem Nazikommissar Erich Leitner durch seine übersinnlichen Fähigkeiten, die er vortäuscht, "hilft", einen Serienmörder zu finden, und wie er, berühmt geworden, einmal sogar Hitler trifft, der von ihm die Zukunft vorhergesagt haben will. Und er sagt: "Ihr Name wird niemals in Vergessenheit geraten, mein Führer."

Natürlich wird auch Mosche verraten. Wird nach Theresienstadt verschleppt, wo er dem Lagerkommandanten seine Zaubertricks verraten muss. Der war ein Fan von ihm und "sah sich gern in der Rolle eines Kunstmäzen", weil er so viele Künstler in seinem Lager hatte. Als Mosche ihm keine Tricks mehr beibringen kann, kommt er nach Auschwitz. Und da gelingt ihm der größte aller Tricks: Er rettet einem kleinen Mädchen durch einen Zaubertrick noch an der Rampe das Leben.

"Der Trick" ist voller humorvoller und düsterer Stellen, er ist manchmal grob und oft feinfühlig geschrieben, melancholisch und fast gänzlich frei von Kitsch. Er ist eine wunderbare Geschichte mit Tiefgang, originell, mit überraschenden Wendungen und anrührend, dabei immer gut lesbar und unterhaltsam - ein echter Diogenes-Roman. Und er schreit geradezu nach Verfilmung.

Emanuel Bergmann: Der Trick. Roman. Diogenes Verlag, 400 S., 22 Euro

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