Donnerstag, 31. März 2016

Probleme mit Zettels Traum. Martin Schults Debütroman enttäuscht

Es war nie einfach, ein Teenager zu sein. Oder, als 12-Jähriger, fast einer, wie Paul. Schon gar nicht, wenn die Eltern dabei sind, sich zu trennen, weil der Vater, ein Frankfurter Friseur, sich nur für Fußball interessiert (immerhin hat er Jürgen Grabowski schon einmal die Haare geschnitten) und für ein dickes Buch, das sein Vater ihm vererbt hat: "Zettels Traum" von Arno Schmidt. 1334 Seiten im Großformat. Aus dem er immer wieder, halb murmelnd zitiert: "wer nich arbeitet, soll auch nich trinken; und=umgekehrt!" zum Beispiel.

Schult

Ständig gibt es Streit in der Familie, einmal prügeln sich die Eltern sogar, bis der Gummibaum auf Pauls Mutter fiel und sie in Ohnmacht. Da geht es um den Flokati, jenen dickfelligen Teppich der 70-er Jahre, der einmal in der Woche geputzt werden musste, und der Vater sich mal weigerte und einfach weiterlas. Und sie ihm das Buch aus der Hand riss und vom Balkon auf die Straße warf.

Martin Schult erzählt Pauls Geschichte, die 1974 spielt, dem Jahr, als die deutsche Fußballmannschaft zum zweiten Mal Weltmeister wurde. Seine Mutter macht manchmal geheimnisvolle Ausflüge mit dem linksradikalen Taxifahrer Bruder Kolja, seine Schwester spricht oft nur in Abkürzungen - die der Autor glücklicherweise in Anmerkungen auflöst. Sein bester Freund ist das Contergankind Boris, der beim Fußballspielen im Tor steht, und in seinem Haus wohnt außer der alten Frau Schellack noch Familie Bartoldy, dessen erwachsener Sohn alles sammelt, was die anderen Menschen verlieren, dokumentiert und katalogisiert und mit seiner Schildkröte spazierengeht - das größte Problem ist, dass er noch keinen Namen für sie gefunden hat.

Paul lebt mit im Fußball- und Arno-Schmidt-Fieber seines Vaters, verliebt sich in die Tochter des Pizzeriabesitzers, die dann auch noch in seine Klasse kommt, und als die Schüler über die Ferien ein Buch lesen sollen, entscheidet er sich für "Zettels Traum" - aber da er das nur heimlich machen kann, passieren ihm allerlei Missgeschicke, so zertrümmert er aus Versehen das Regal, auf dem das Buch ganz oben liegt, und den Fernsehapparat. Dann stirbt Frau Schellack, und Paul denkt, er sei schuld daran. Und als ihm alles zu viel wird, haut Paul ab, versteckt sich im Keller des Hauses und schreibt in ein Schulheft Briefe an seine Lehrerin. Dort wird er aus Versehen eingeschlossen und stirbt beinah.

Es gibt viele durchaus interessante Passagen, wie die Szene mit dem Regentanz, den Pauls Vater mit ihm auf dem Monte Scherbelino bei Frankfurt vorführt, damit die deutsche gegen die polnische Mannschaft gewinnen kann. Der Roman hat durchaus auch Witz, einmal gibt es sogar ein Schmidt-Zitat, ohne dass es ausgewiesen ist: "WIEH", sagt seine Schwester einmal: "Wie ich euch hasse", eine Anspielung auf ein Radioessay von Schmidt. Aber insgesamt ist der Roman eher uninspiriert und mit allzu vielen Einzelheiten versehen, die Geschichte mäandert hin und her, die Perspektive eines zwölfjährigen Ich-Erzählers und seine Sprache passen nicht zueinander, manche Einzelheiten stimmen nicht, und "Zettels Traum" spielt bei weitem nicht die Rolle, die der Untertitel glauben machen will.

Einige der Ungeschicklichkeiten, Ungenauigkeiten, falschen Töne: Paul versteht nicht, wer diese ominöse Wilma ist, von der sein Vater immer mal wieder redet, obwohl er doch weiß, dass sein Vater aus dem Buch zitiert. Paul redet seine Lehrerin in seinen Briefen manchmal mit "Hallo, Frau Ludwig" an - das gab es 1974 noch nicht. Paul ist zu klein, um an das oberste Regalbrett zu kommen, er muss hochklettern und schafft es nicht wieder herunter. Und er ist zu schwach, um das Buch herunterzuholen, aber er ist stark genug, den Sessel und den Schreibmaschinentisch seines Großvaters heimlich in den Keller zu schleppen. Als er selbst in "Zettels Traum" geblättert hat, fällt er für ein, zwei Seiten in einen Schmidtschen Pseudostil, wenn er den Taxifahrer reden lässt, schreibt er alles klein - man weiß nicht recht, was das soll. Als die Mutter "Zettels Traum" vom Balkon auf die Straße wirft, übersteht es unbeschadet den Fall, aber als es vom Regal fällt, ist es kaputt. Mitten im Text stehen Überschriften, die ein Zwölfjähriger in einem Brief an die Lehrerin wohl kaum schreiben würde - da hat sich der Autor beim Erzähler eingemischt.

Martin Schult: Flokati oder Mein Sommer mit Schmidt.
Roman.
Ullstein Verlag, 224 S., 18 Euro

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