Sonntag, 19. Juni 2016

Ein Rabbi zwischen allen Stühlen. Alfred Bodenheimer schickt seinen Rabbi Klein in seinen dritten Fall, diesmal in Basel

"Ihr Juden seid schwarz und verbrannt und nicht weiß und schön wie die meisten anderen Völker." So beginnt die Diskussion zwischen einem Christen und einem Juden bei Sebastian Münster, kein guter Anfang für eine politisch korrekte Zeit. Sebastian Münster allerdings lebte im 16. Jahrhundert, da durfte man noch Vorurteile haben. Geboren wurde er 1488 in Ingelheim, 1552 starb er als Rektor der Universität im reformierten Basel an der Pest. Als er berufen wurde, verfasste er zweisprachig eine kleine Schrift, den "Messias", eben diese Diskussion zwischen dem Juden und dem Christen. Luther kannte sie, vielleicht wurde er durch sie inspiriert, 1543 sein antijüdisches Buch "Von den Juden und ihren Lügen" zu schreiben.

Spannend wird es für Rabbi Klein, der dieses dünne Büchlein liest, als es in ihm tatsächlich um den Messias geht - für die Christen war er ja schon da, für die Juden kommt er noch. Der Christ fragt: "Warum verspätet sich euer Messias so sehr, zu kommen und euch zu erlösten, und wie kann der Herr diese lange Zeit euer Leiden sehen, das im Exil auf euch lastet, und er errettet euch nicht daraus und vollzieht kein Gericht an euren Feinden?" Und der Jude antwortet: "Der Messias kommt noch nicht, aber er ist am Tag der Tempelzerstörung geboren, wie es in den Erzählungen steht." Und Rabbi Klein muss an einen israelischen Popsong denken, mit dem Refrain "Maschiach lo ba, maschiach gam lo metalfen": "Der Messias kommt nicht, der Messias ruft auch nicht an." Das gibt es auch auf Youtube ...

Einen Geistlichen als Detektiv, das kennt man vor allem von G.K. Chestertons "Father Brown", der von Heinz Rühmann als "Pater Braun" so schelmisch verhunzt wurde, einen Rabbiner als Aufklärer vom amerikanischen Autor Harry Kemelmann. Und jetzt auch vom Schweizer Alfred Bodenheimer - vor kurzem ist sein dritter Fall um Rabbi Gabriel Klein erschienen. Diesmal gelingt es dem Zürcher Rabbiner, ein Sabbatical zu nehmen und sich dabei nicht auszuruhen oder nach Israel zu fahren, wie es sich gehört, sondern in Basel ein kleines Forschungsprojekt anzugehen, die Neuübersetzung eben der Schrift von Sebastian Münster, um die ihn der Basler Professor Blatt gebeten hat.

Natürlich hilft er der Basler Gemeinde gern aus, als sie ihn bitten, einen Kollegen zu vertreten, der dem Burn-out erlegen ist. Und natürlich - Krimi bleibt Krimi - muss er dann auch gleich einen Mord aufklären. Beziehungsweise dem Kommissar Drulovic dabei helfen, der auch noch Probleme mit seinen Mitarbeitern hat, die gern und offenbar absichtlich mal etwas verschlampen: Denn während eines Wochenendseminars in der evangelischen Tagungsstätte Geissenberg, auf dem er den Schabbatgottesdienst abhalten soll, wird Gemeindevorstand Stéphane Hutmacher ermordet. Zwar wurden auch Rechtsradikale gesichtet, aber auch die Gemeindemitglieder, mit denen sich der Tote, ein erfolgreicher Anwalt und Gemeindevorstand, oft gestritten hat, sind verdächtig.

Mit vielen Details aus dem bunten, aufregenden und selten reibungsfreien Leben in den jüdischen Gemeinden der Schweiz (keine Sorge: in Deutschland sieht es genauso aus) erzählt Alfred Bodenheimer diese Geschichte, mit viel feinem Humor und Ironie, lebendigen Charakteren und vor allem einem Rabbiner, der sich unversehens zwischen allen Stühlen befindet. Schon seine Frau war nicht begeistert von seinen Plänen, auch die eigene Gemeinde findet es befremdlich, dass er ein Sabbatical nimmt und dann Rabbi einer anderen Gemeinde spielt. Und auch das Wissenschaftsmilieu zwischen Universität Basel und dem Jüdischen Museum wird kritisch beleuchtet, mit satirischen Seitenhieben auf Eifersüchteleien und Renommiersucht - Bodenheimer ist Leiter des Institutes für Jüdische Studien in Basel und weiß, wovon er schreibt. Zudem steht Rabbi Klein plötzlich mitten in einem langandauernden und verbissenen Streit zwischen dem Hutmacher und Gemeindechasan Jedidia Strumpf. Und dann ist Hutmacher tot und Strumpf spurlos verschwunden. Das Ende ist sehr überraschend, ebenso wie die Aufklärung.

Auch in seinem dritten Krimi um Rabbi Klein beweist Bodenheimer, dass er lebendig zu schreiben versteht, die alltäglichen Querelen und Streitigkeiten in einer jüdischen Gemeinde darstellen und dabei gelehrte Diskussionen und einen verzwickten Fall sehr gradlinig und fein miteinander verknüpfen kann. Und auch das Seelenheil kommt nicht zu kurz - es ist eben ein theologischer Krimi.

Alfred Bodenheimer: Der Messias kommt nicht. Rabbi Kleins dritter Fall.
Verlag Nagel und Kimche
204 Seiten, 19,90 Euro

Vielsagende Schweigsamkeit. Castle Freeman zeichnet in seinem Thriller "Männer mit Erfahrung" ein düsteres Bild von Vermont

"Eine Waffe ist nur dann gut, wenn man der Einzige ist, der eine hat", sagt Lester. Und dann treffen er, Nate und Lillian den Freund von Blackway, sitzen zusammen in einer Nische der Bar "Fort Bob", fragen ihn, wo sie Blackway finden können. Und als er nicht aufhört, Lillian zu beleidigen, greift Leser zum großen Bierkrug und schlägt ihn mit voller Wucht an Murdocks Kopf. Zerrt ihn aus der Nische und tritt mit voller Wucht auf Murdocks Knie: "Als Nate sie zur Tür rausschob, hörte Lillian ein Knacken. Es war das Letzte, was sie an diesem Nachmittag im Fort Bob hörte." Als sie im Auto sitzen, zeigt Lester das, was er in seiner Hand hält: Murdocks linkes Ohr. Und wirft es hinaus.

Es ist kein Ponyhof, dieses landschaftlich so schöne Vermont. Nicht, wenn man als Frau allein lebt, und Blackway einen verfolgt. Erst hat er Lillians Freund Kevin so eingeschüchtert, dass er plötzlich verschwindet, dann beobachtet er Lillian, sehr aufdringlich, schlägt eine Scheibe ihres Autos ein und bringt ihre Katze um. Lillian geht zu Sheriff Wingate. Aber der sagt, er könne ihr nicht helfen, das Gesetz habe keine Handhabe. Aber dann sagt er noch, sie solle zur alten Stuhlfabrik gehen und nach Whizzer fragen: "Sagen Sie ihm, ich hab Sie geschickt. Erzählen Sie ihm von Blackway. Und fragen Sie nach Scotty."

Die ehemalige Stuhlfabrik gehört Whizzer, der im Rollstuhl sitzt. Es ist nicht mehr viel zu tun, und so sitzen die Männer herum und erzählen sich Geschichten. Und wundern sich, als Lillian kommt und nach Whizzer und dann nach Scotty fragt. Und die Unterhaltung geht so:

"Kennen Sie Scott?", fragte die junge Frau. "Scott Cavanaugh?"
"Scotty?", sagte Whizzer. "Klar. Klar kennen wir den."
"Ich suche ihn", sagte die junge Frau. "Ist er hier?"
"Sie suchen Scotty?", sagte Whizzer.
"Man hat mir gesagt, ich könnte ihn hier finden", sagte die junge Frau.
"Wer hat Ihnen das gesagt?", fragte Coop.
Die junge Frau antwortete nicht ihm, sondern Whizzer. "Das hat mir der Sheriff gesagt", sagte sie.
"Wingate?", sagte Coop.
"Er hat gesagt, Scott Cavanaugh könnte mir vielleicht helfen."
"Tja, Scotty ist nicht da", sagte Coop.
"Er ist weggefahren", sagt D.B. "Nach White River."
"Er besucht da seinen Bruder", sagte Coop.
"Nicht seinen Bruder, sondern seinen Onkel", sagte D.B. "Dessen Tochter im Krankenhaus war. Das ist Scottys Onkel."
"Was ist denn mit der Kleinen?", fragte Conrad.
"Also ...", setzte die jungen Frau an.
"Ich dachte, das wäre sein Bruder", sagte Coop.
"Ist er aber nicht", sagte D.B.
"Leukämie", sagte Whizzer.
"Ach du Scheiße", sagte Conrad.

Scotty jedenfalls ist nicht da, kommt erst am Nachmittag wieder. Die Männer wissen bereits, dass sie wegen Blackway beim Sheriff war. Und dass sie Hilfe braucht. Statt Scott helfen ihr jetzt der alte Lester und der riesige Nate, Nate the Great, der etwas dumm scheint, aber keine Angst vor Blackway hat und sehr kräftig ist. Denn Blackway steht über dem Gesetz. Er nimmt sich, was er will. Er tut, was er will. Und niemand kommt ihm bei. Aber diesmal, da sind sich die Männer einig, ist er an die Falsche geraten.

Castle Freemans Buch "Männer mit Erfahrung" ist ein lakonischer Krimi oder Thriller oder moderner Western, die Geschichte, wie ein paar Männer und eine Frau das Recht in die eigene Hand nehmen, weil sich sonst niemand traut. Lakonisch ist sogar noch untertrieben, aber es gibt da keine Steigerungsform. Wer den Film "Fargo" von den Coen-Brüdern gesehen hat, kennt diese Art von vielsagender Schweigsamkeit. Und die Art von manchmal düsterer Einsamkeit, der die Menschen umweht. Und was passiert, wenn man einmal einen Schritt zu weit gegangen ist. Wie Blackway, der die falsche Frau bedroht, eine, die nicht wegläuft. Oder die drei, die ihn jagen, Lester, Nate und Lillian. Ein Schritt zu weit, und es gibt kein Zurück mehr. Deswegen holt Lester auch noch eine alte Schrotflinte, die er von seinem Onkel geerbt hat. Weil er weiß, wie es enden wird.

Zusammen fahren sie durch ein Land, das arm und trostlos ist, begegnen Menschen, die keine Perspektive mehr haben. Schlagen Blackways Freunde zusammen, damit sie ihnen nicht folgen können. Und als sie Blackway finden, in der einsamsten aller einsamen Gegenden mitten im Wald, kommt es zum Showdown und einem Hinterhalt, und Blackways Kopf rollt ein wenig von seinem Körper weg.

"Blackway hat nicht damit gerechnet, dass ein anderer genauso weit gehen würde wie er", sagt Lester. "Manchmal macht der übelste Kerl von der ganzen Gegend diesen Fehler, und das ist dann die Gelegenheit für den zweitübelsten."
"Und der zweitübelste sind Sie?", fragte Lillian.
"Jetzt nicht mehr", sagte Lester.

In zwei Erzählsträngen präsentiert Freeman das Leben der Armen in Vermont: Brillant schneidet er die Suche nach dem Bösewicht gegen die Plaudereien der Männer in der Fabrik. Erzählt nebenbei von der Hoffnungslosigkeit, von der Einsamkeit, von der Verständnislosigkeit der Neuzugezogenen wie Conrad, verheiratet mit Whizzers jüngerer Schwester, der bei allen Andeutungen nachfragen muss, weil er die Geschichten nicht kennt. Erzählt vom Niedergang des ländlichen Amerika, von den aufgegebenen Fabriken, von der alles beherrschenden Arbeitslosigkeit, den Drogen, der Korruption und der allgemeinen Verrohung. So wie das "Fort", das einmal eine Autowerkstatt war und jetzt eine Kneipe und ein Bordell ist: "Schlicht und effizient, eine Stätte der Herstellung und Wartung von Säufern".

Der schmale Roman wurde letztes Jahr mit Julia Stiles als Lillian, Anthony Hopkins als Lester und Ray Liotta als Blackway verfilmt.

Castle Freeman: Männer mit Erfahrung. Roman.
Übersetzt von Dirk van Gunsteren, Verlag Nagel & Kimche, 176 Seiten, 18,90 Euro

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