Montag, 20. Juni 2016

Böse Kollegen im langweiligen Outback. Garry Dishers neuer Krimi "Bitter Wash Road" schwankt zwischen Stereotypen und prägnanten Details

"Ich dulde keine Faulenzer", sagte Sergeant Kropp, "und keine Klugscheißer." Deutliche Worte. Er mag seinen Untergebenen Hirschhausen nicht. Aber das ist auch kein Wunder, denn Constable Paul "Hirsch" Hirschhausen hat bei der Internen Abteilung ausgesagt, gegen seine Vorgesetzte. Und ein Polizist verrät keine anderen Polizisten, egal was die gemacht haben. Diesen Korpsgeist gibt es dort noch, und wer gegen ihn verstößt, hat schlechte Karten. Und deswegen mag er ihn nicht. Und seine Kollegen ebensowenig. Nur gut, dass es nicht so viele sind, denn Hirschhausen ist in die Wüste geschickt worden, nach Tiverton, das ist da, wo sonst nichts ist, "eine Landschaft, die geradezu danach lechzte, dass sich etwas bewegte". In ein Einmannrevier am Barrier Highway, drei Stunden nördlich von Adelaide.

Seine Kollegen Nicholson und Andrewartha sind rassistische Schlägertypen, die das kleine Städtchen Redruth beherrschen und vor allem die Aborigines ohne Grund verprügeln, Richter und Amtsarzt spielen mit, sodass sich niemand traut, sich ihnen entgegenzustellen. Hirsch schmuggeln sie ein Handy und 2.500 Dollar in sein Auto, um ihn reinzulegen - dummerweise bekommt er das mit und tauscht es gegen unverdächtige Gegenstände aus. Manche Gespräche mit seinem Vorgesetzten nimmt er heimlich auf, um sich abzusichern.

Ansonsten ist das Leben im Outback langweilig für ihn. Zwei Kinder schießen irgendwo mit einem Gewehr, es gibt einen Haufen Betrunkener, die Autofahrer blinken nicht beim Abbiegen - das war's. Aber dann wird in einem Straßengraben die Leiche eines 16-jährigen Mädchens gefunden, überfahren. Unfall mit Fahrerflucht? Dummerweise trägt sie die Unterwäsche falsch herum. Dann verschwindet die Freundin dieses Mädchens, später erschießt sich eine Frau, die sich gerade von ihrem brutalen Mann trennen will. Oder wird sie erschossen? Hirsch ist auf sich allein gestellt: Er kann niemandem trauen, schon gar nicht seinen mobbenden Kollegen, und niemand traut ihm, denn für die Einheimischen ist er nur ein weiterer mieser Polizist. Und die leben nach ihrem eigenen Kodex, legen das Gesetz zu ihren Gunsten aus oder üben einfach nur ihre Macht aus.

Mit "Bitter Wash Road" hat der australische Krimiautor Garry Disher ein bekanntes Thema aufgegriffen: die Korruption der Polizei und der eine aufrechte Charakter, der alles aufklärt. Das ist nicht besonders neu, und so ist auch der Plot mit seinen meist vorhersehbaren Wendungen schnell ein bisschen langweilig. Immerhin gelingen Disher sehr schöne Beschreibungen der Landschaft und der armen Menschen, die am Rand der Existenz leben, die Charaktere sind schnell lebendig, aber auch immer wieder in Gefahr, zu Stereotypen zu werden: die dummen, bösen Cops, die armen Frauen, die verwahrlosten Jugendlichen, die allgemeine Perspektivlosigkeit, Armut, Alkohol ...

Was Disher rettet, ist vor allem seine nüchterne, klare, manchmal auch poetische Sprache, seine prägnanten Details, seine Hauptfigur, die das Dilemma kennt, in das er sich hineinmanövriert - aber er kann sich nicht helfen, er hat einen letzten Rest von Anstand bewahrt. Genug, um seine Kollegen zu verraten. Dazu gibt es ab und zu witzige Details wie seine Verliebtheit, die sich meist auf die Farmerin Wendy richtet, aber auch vor anderen Frauen nicht haltmacht. Etwas zu tun, dafür ist er dann wieder zu schüchtern.

Zwischendurch ist es natürlich lebensgefährlich für Hirsch, es kommt zu Schießereien, er wird in eine Falle gelockt, ein paar Einwohner begehren auf und erzählen in einer Stadtversammlung von den Schikanen, denen sie ausgesetzt sind. Und am Schluss wird natürlich alles aufgeklärt, und es kommt wie erwartet: es ist natürlich die High Society, die regelmäßig jungen Frauen und Mädchen sexuell missbraucht und sich dabei von der Polizei helfen und sie dabei auch mittun lässt. Nur den Mord, den klärt Hirsch nicht auf, dass macht in einer hübschen Wendung auf den letzten drei Seiten sein Vorgesetzter, der dann doch nicht so ein übler Polizist ist.

Garry Disher ist ein vielseitiger Autor, er schreibt Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher zur Geschichte Australiens, Kurzgeschichten, Kriminal- und andere Romane. Seine inzwischen sechsbändige Reihe um Inspektor Hal Challis aus Melbourne ist zu Recht hochgelobt, zu hoffen bleibt, dass er sich hier im Outback noch steigert.

Garry Disher: Bitter Wash Road. Kriminalroman.
Übersetzt von Peter Torberg
Unionsverlag, 233 S., 21,95 Euro

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