Menschenscheu, lesbisch, berühmt. Joan Schenkar stellt Patricia Highsmith in einer monumentalen Biografie vor

Eine Biografie mit den Worten „Sie war nicht nett” anzufangen, ist schon ein bisschen seltsam. Es geht weiter: „Sie war selten höflich. Und niemand, der sie gut kannte, hätte sie großzügig genannt.” Und weil sie anders war, „entwickelte sie im Säurebad ihrer detailgesättigten Prosa ihre eigene, alternative Welt – Highsmith Country. Eine Gegend, die so bedrohlich für die Psyche ist, dass selbst ihre treuesten Leser inständig hoffen, sich nie in ihren Werken wiederzuerkennen.” Dieses Säurebad zog sich auch durch Highsmiths Leben, schon auf der High School, 1934 bis 1938, musste sie ihre Bank mit einer anderen Studentin teilen: „Teilen zu müssen – sogar (oder besonders) mit jungen jüdischen Flüchtlingen oder mit den Töchtern jüdischer Ärzte und Zahnärzte von der Upper West Siede, die bessere Noten bekamen als sie – gehörte nie zu Pats Stärken”, notiert ihre Biografin Joan Schenkar.

Highsmith

Patricia Highsmith (1921 – 1995( ist ein Ausnahmetalent gewesen, eine der randständigen Klassikerinnen der modernen Literatur. Auf einen Schlag berühmt wurde sie schon mit ihrem Debütroman „Zwei Fremde im Zug” von 1950, den Alfred Hitchcock ein Jahr später verfilmte – am Drehbuch arbeitete u.a. Raymond Chandler mit. Bis heute berühmt bleibt sie vor allem wegen der Erfindung ihres völlig amoralischen Helden Tom Ripley, das war bereits 1955. Man kann sich kaum vorstellen, dass dieser immer noch moderne Roman schon vor 70 Jahren erschien.

Und auch ihr Leben war stets etwas neben der Spur. Nach der High-School wurde sie in New York Texterin im Comicstudio Sangor-Pines (was sie später streng geheim heilt), dann zusätzlich Spielzeugverkäuferin bei Bloomingdale‘s. Als die 21-Jährige erfuhr, dass ihre Kurzgeschichte „Der Schatz” von einer Zeitschrift angenommen wurde, ging sie zu ihrem Freund Rolf Tietgens und ließ sich fotografieren, nackt, mit hochgereckten Armen und langen Haaren, die ihr ins Gesicht fielen, ein bisschen stolz und ganz ruhig. Auf den meisten anderen Bildern präsentierte sie immer ihren maskulinen Look, mit einem weißen Männerhemd und Jeans.

Ihr zweiter Roman wurde ein Bestseller, aber den veröffentlichte sie nicht unter ihrem Namen: „Salz und sein Preis” von 1952 schildert ganz offen eine lesbische Beziehung zwischen einer jungen Verkäuferin und einer Kundin. Noch dazu eine glückliche, erfüllte Liebe. Das Buch verkaufte sich hunderttausendfach und war der Anstoß für eine ganze Generation von jungen Frauen, sich mehr zu ihrer Neigung zu bekennen. Highsmith selbst gelang das manchmal auch, manchmal aber auch nicht. So begann sie sogar eine Psychoanalyse, um sich von der Homosexualität heilen zu lassen. Andererseits verliebte sie sich ständig in Frauen, begehrte sie und umwarb sie, oft mit Erfolg. Einmal schrieb sie: „Ich bin das lebende Beispiel für einen Jungen im Körper eines Mädchens”, aber wollte sich „sexuell normalisieren” und heiraten. Mit ihrer Mutter verband sie zeitlebens eine Hassliebe, sie beleidigten und quälten sich gegenseitig in ihren Briefen bis aufs Blut und führten beide Listen über das, was die andere ihr angetan hatte. Die Mutter hielt ihr auch immer wieder vor, dass sie ein ungewolltes Kind war und die Abtreibung nicht geklappt hat. Dafür schrieb Highsmith eine Geschichte, in der ein junges Mädchen der Mutter eine Schere in die Brust rammt. Ihr Vater hatte sich noch vor der Geburt scheiden lassen, ihren Stiefvater mochte sie nicht.

Später zog Highsmith nach Europa, wie so viele Amerikaner, wie auch Tom Ripley. Sie lebte in England, dann in Frankreich und Italien, schließlich aus steuerlichen Gründen in der Schweiz, wo sie sich eine Art Betonbunker als Haus bauen ließ, in dem keine einzige Blume wuchs.

Nach dem Studium von mehreren tausend Seiten Tagebüchern und Briefen stellt die Schriftstellerin Joan Schenkar in etwa tausend Seiten das Leben und das Werk von Patricia Highsmith vor, ihre Beziehungen zu Männern und Frauen wie der Soziologin Ellen Hill, mit der Highsmith in Nizza, Cannes, Florenz, Mallorca und Paris unterwegs war. Vier Jahre lang dauerte die Beziehung, und sie war von Anfang an gestört, mit Eifersucht vor allem, Selbstmorddrohungen und Schlägereien. Highsmith verarbeitete die Beziehung im Roman „Der Stümper”, in dem ein Anwalt versucht, seine Frau zu ermorden.

Diese Zerrissenheit, die sich in ihrem Liebesleben niederschlug, wird in der Biografie sehr breit ausgewalzt, analysiert und beschrieben: „Ich muss arbeiten wie ein Mann und brauche eine Frau“, schrieb Highsmith. Und sie erfand dann Menschen, die sich von ihren Sorgen und Obsessionen meist durch ein Verbrechen befreien konnten: „Obsessionen sind das Einzige, was zählt“, schrieb sie 1942 in ihr Tagebuch. „Am meisten interessiert mich die Perversion, sie ist die Dunkelheit, die mich leitet.“ Menschenscheu war sie, vor allem als sie älter wurde und meinte, nicht mehr attraktiv zu sein.

Menschenscheu, lesbisch, berühmt. Das war kein einfaches Leben, vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren nicht. Leider kommt es in Schenkars Biografie nicht so recht zum Ausdruck, wie schwierig das damals noch war. Wer es wissen will, sollte in Deutschland in ein Provinzdorf ziehen und es ausprobieren. So war es damals überall, homosexuelle Liebe war verpönt, wenn nicht sogar verboten.

Dabei ist es doch eine monumentale Biografie geworden, mit einer stupenden Detailfülle, die man auch als Leser erst einmal bewältigen muss. Anders als frühere Biografen konnte Schenkar nach jahrelangen Recherchen in Bibliotheken und Archiven und vielen Interviews mit Zeitgenossen auch Einsicht in die privaten Tagebücher und die Arbeitshefte von insgesamt 8000 Seiten, die Highsmith jahrzehntelang führte, und in ihre 50.000 Briefe nehmen – eine wunderbare, sehr persönliche Quelle, aus der sie viele Einzelheiten schöpft. Es ist ein Mammutwerk geworden, aber sehr lohnenswert.

Joan Schenkar: Die talentierte Miss Highsmith. Biographie.
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttman, Anna-Nina Kroll, Karin Betz.
Diogenes Verlag, Zürich 2015.
1072 Seiten, 29,90 Euro
Kle (Gast) - 5. Dez, 10:53

danke!

wollte ich meinem Vater eigentlich nur die Tagebücher von Julien Green schenken, muss es jetzt auch diese Biographie sein.

Giorgione - 5. Dez, 12:04

Das tut

mir leid ....

* kichert
Kle (Gast) - 28. Dez, 17:13

muss nicht.

Gebraucht gekauft. Und voller Erfolg ("hätte ich mir fast selber..."), auch wenn ich "sucks" eingeben soll.

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very interesting article and contain useful information....
novelhot - 25. Jan, 20:19
muss nicht.
Gebraucht gekauft. Und voller Erfolg ("hätte ich...
Kle (Gast) - 28. Dez, 17:13
Das tut
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Giorgione - 5. Dez, 12:04
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