„Ein Tablett voll glitzernder snapshots.“ Arno Schmidt in Marbach
„Ein Autor?: ist Derjenige, dem ‚ein Stock im Petticoat’ beim Anblick dessen einfällt, wozu ein Leser zeitlebens ‚Schirm’ sagt.“ Meinte jedenfalls Arno Schmidt. Und so fiel ihm „endlosgrün“ ein, „irrheidnisch“ oder: „der Regen perkutierte leiser mein Schädeldach; der Blutstrom golfte“. Er erfand sich eine neue Interpunktion und Rechtschreibung, die seinen Empfindungen und Assoziationen viel angemessener war: „Wer ruft’nn hier, zu nacktschlâffnder Zeit, so lange an?“ Und machte damit die Sprache wieder offener, empfänglicher für Eindrücke und freies Denken.
In einer großen Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach wird dieser große, eigenwillige Nachkriegsautor jetzt umfassend gewürdigt. Natürlich geht es vor allem um die Biografie, die Schmidt selbst als unterbrochen und diskontinuierlich empfunden hat: „Mein Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt (…)): ein Tablett voll glitzernder snapshots.“
Ein paar dieser Snapshots hat die Bargfelder Arno-Schmidt-Stiftung in sechs Räumen zusammengestellt, ein paar wirklich schön glitzernde Facetten. In einem gebrochen verwinkelten Parcours treppauf, treppab geht es mit Fotos, Dokumente und Büchern von der Geburt in Hamburg über den Krieg und die Nachkriegsnot bis zum Hauskauf in Bargfeld in der Lüneburger Heide, wo er die letzten 20 Jahre seines Lebens mit seiner Frau Alice und vielen Katzen verbrachte und fleißig schrieb. Viele Fotos zeigen Schmidt: als Soldat im Weltkrieg, beim verbissenen Rudern auf dem Dümmer, beim schweißtreibenden Mähen seiner Wiese in Bargfeld, oder wie er genüsslich in eine Knackwurst beißt oder mit einem Stück Kuchen kämpft. Dokumente sind zu sehen: eine Nachricht aus dem Kriegsgefangenenlager, sein Briefwechsel mit der irischen Botschaft, als er auswandern wollte (kurioserweise auf deutsch), seine systematischen Überlegungen zum Hauskauf, bei dem sogar Katze Purzel ihre Placet gab: „Miau!“.
Und natürlich, zum Schluss, die Zettelkästen, die er selbst gebastelt hat, Schreibmaschinen und Lupen und die vielen aus Zeitschriften und Bekleidungskatalogen herausgerissenen Anregungen für seine Gestalten: Suse Kolderup, „hochgestiefelt; schwarzer Rock, schwarzbrauner Pulli, (& dessn KnopfReihe gleich vom Kehlkopf zum Nabl!“. Und so manch Kurioses: ein korkengroßes Würfelspiel, ein winziges Hausmodell, eine aufgebogene Klammer, und dazu immer das passende Zitat: „(wenn sich eine Briefklammer derart sperrt, das soll man achten). (Oder ‹ehren›? Nee; ehren nich. Aber achtn.)“ Hier sprechen nur noch die Gegenstände. Sie reden sachte von den vielen winzigen Anregungen, die Schmidt aus dem Alltag übernommen hat, die bei ihm Literatur geworden sind: „Über alles schreibm zu müssen“. Kein Kopfautor, ein sinnlicher, sinnlich angeregter.
In den Seitenräumen, die dem Biografieparcous angegliedert sind, glitzern weitere Facetten. Eine fast meditativ gelöste Stimmung herrscht in dem dunklen Raum, in dem ein paar von Schmidts Landschaftsfotos ausgestellt sind, stille, detaillierte, liebevolle Bilder, und eine Stimme liest einige der schönsten Beschreibungen dieses Naturlyrikers vor. Der Kontrast ist ein kaltblauer Multimediaraum mit drei Bildschirmen: Filme aus Schmidts Zeit, Ausschnitte aus Dokumentarfilmen, politische Reportagen, dazu bösartige, pessimistische, manchmal verzweifelte Kommentare: Eine Ordensverleihung der Nazizeit, „Gott ritt auf einem Bombenteppich.“ Ein ruhiger Raum stellt literarische Vorbilder vor, Fouqué, Wieland, Jules Verne oder Karl May, seine berühmten Radioessays und ein Fernsehinterview, die man sich anhören und ansehen kann, in aller Ruhe, mit viel Zeit. In einem rotsamtenen Türmchen ist eine Peepshow aufgebaut: ein „pornografisches Lachkabinett“: Schmidts „Stellen“, die erst, wenn man den Kopf in die Öffnung gesteckt hat, als Text und Hörbeispiel ablaufen. Und das sind nicht gerade wenige, kaum ein Autor hat schon in den 50er Jahren so offen über Sex geschrieben. Und im "Elfenbeinturm" darüber, in den man über eine enge Wendeltreppe kommt, hört man erheitert einige von seinen berühmt-berüchtigten „Ich“-Sätzen: „Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“ Am Ende der Ausstellung kann man sich Manuskriptseiten und Zettel ansehen, einige Anspielungen entschlüsselt bekommen, merkt auch, wie selbst- und geschichtsbewusst Schmidt manches für die Nachwelt präpariert hat. Auf einem Blatt Papier steht: „Wichtig! Da altes Schreibpapier von 1946 aus dem Formular-Kasten der ‚Eibia’ in Benefeld“. Oder, selbstironisch, auf einem Etikett seines bevorzugten Schnaps: „Während der Niederschrift stark benützt“.
Es ist in Marbach also tatsächlich „ein Tablett voll glitzernder snapshots“ aufgebaut, in einer schönen, rhythmisch gegliederten, anregenden Ausstellung: ein wahres Prunkstück für Marbach, wenig papiern, mit technischen Hilfsmitteln, die man gar nicht bemerkt. Natürlich fehlt auch viel, wird nur erwähnt, wie seine Freundschaften mit Andersch, Michels oder Wollschläger. Man kann eben nicht alles ausstellen. Aber am meisten fehlt doch ein wenig die systematische Hinführung zum Werk selbst. Einige gründliche, vielleicht exemplarische Hinweise auf seine Arbeitsweise: Wie hat er die Wirklichkeit in Literatur verwandelt? Was waren seine Themen? Was steckt alles in seinen Nebenbemerkungen, Seitenhieben, Zitaten? Wieso blieb er so ein Einzelgänger, wenn doch die Ausstellung einen so humor- und phantasievollen Menschen vorstellt?
Aber das Wichtigste ist vielleicht doch: Man wird in Marbach mit einem verletzlichen, sensiblen und vielschichtigen Menschen bekannt gemacht. Man wird, auch wenn man noch nie etwas von Schmidt gelesen hat, der als „schwieriger Autor“ gilt, angeregt, seine Bücher zu entdecken, wird sich von seinem Humor, seiner Ironie, seinen Bösartigkeiten und seiner Wortkunst faszinieren lassen.
(Bis zum 27. August. Deutsches Literaturarchiv Marbach. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Mittwoch 10 – 20 Uhr, an Feiertagen 10 bis 18 Uhr) Siehe auch unter DLA Marbach
In einer großen Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach wird dieser große, eigenwillige Nachkriegsautor jetzt umfassend gewürdigt. Natürlich geht es vor allem um die Biografie, die Schmidt selbst als unterbrochen und diskontinuierlich empfunden hat: „Mein Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt (…)): ein Tablett voll glitzernder snapshots.“
Ein paar dieser Snapshots hat die Bargfelder Arno-Schmidt-Stiftung in sechs Räumen zusammengestellt, ein paar wirklich schön glitzernde Facetten. In einem gebrochen verwinkelten Parcours treppauf, treppab geht es mit Fotos, Dokumente und Büchern von der Geburt in Hamburg über den Krieg und die Nachkriegsnot bis zum Hauskauf in Bargfeld in der Lüneburger Heide, wo er die letzten 20 Jahre seines Lebens mit seiner Frau Alice und vielen Katzen verbrachte und fleißig schrieb. Viele Fotos zeigen Schmidt: als Soldat im Weltkrieg, beim verbissenen Rudern auf dem Dümmer, beim schweißtreibenden Mähen seiner Wiese in Bargfeld, oder wie er genüsslich in eine Knackwurst beißt oder mit einem Stück Kuchen kämpft. Dokumente sind zu sehen: eine Nachricht aus dem Kriegsgefangenenlager, sein Briefwechsel mit der irischen Botschaft, als er auswandern wollte (kurioserweise auf deutsch), seine systematischen Überlegungen zum Hauskauf, bei dem sogar Katze Purzel ihre Placet gab: „Miau!“.
Und natürlich, zum Schluss, die Zettelkästen, die er selbst gebastelt hat, Schreibmaschinen und Lupen und die vielen aus Zeitschriften und Bekleidungskatalogen herausgerissenen Anregungen für seine Gestalten: Suse Kolderup, „hochgestiefelt; schwarzer Rock, schwarzbrauner Pulli, (& dessn KnopfReihe gleich vom Kehlkopf zum Nabl!“. Und so manch Kurioses: ein korkengroßes Würfelspiel, ein winziges Hausmodell, eine aufgebogene Klammer, und dazu immer das passende Zitat: „(wenn sich eine Briefklammer derart sperrt, das soll man achten). (Oder ‹ehren›? Nee; ehren nich. Aber achtn.)“ Hier sprechen nur noch die Gegenstände. Sie reden sachte von den vielen winzigen Anregungen, die Schmidt aus dem Alltag übernommen hat, die bei ihm Literatur geworden sind: „Über alles schreibm zu müssen“. Kein Kopfautor, ein sinnlicher, sinnlich angeregter.
In den Seitenräumen, die dem Biografieparcous angegliedert sind, glitzern weitere Facetten. Eine fast meditativ gelöste Stimmung herrscht in dem dunklen Raum, in dem ein paar von Schmidts Landschaftsfotos ausgestellt sind, stille, detaillierte, liebevolle Bilder, und eine Stimme liest einige der schönsten Beschreibungen dieses Naturlyrikers vor. Der Kontrast ist ein kaltblauer Multimediaraum mit drei Bildschirmen: Filme aus Schmidts Zeit, Ausschnitte aus Dokumentarfilmen, politische Reportagen, dazu bösartige, pessimistische, manchmal verzweifelte Kommentare: Eine Ordensverleihung der Nazizeit, „Gott ritt auf einem Bombenteppich.“ Ein ruhiger Raum stellt literarische Vorbilder vor, Fouqué, Wieland, Jules Verne oder Karl May, seine berühmten Radioessays und ein Fernsehinterview, die man sich anhören und ansehen kann, in aller Ruhe, mit viel Zeit. In einem rotsamtenen Türmchen ist eine Peepshow aufgebaut: ein „pornografisches Lachkabinett“: Schmidts „Stellen“, die erst, wenn man den Kopf in die Öffnung gesteckt hat, als Text und Hörbeispiel ablaufen. Und das sind nicht gerade wenige, kaum ein Autor hat schon in den 50er Jahren so offen über Sex geschrieben. Und im "Elfenbeinturm" darüber, in den man über eine enge Wendeltreppe kommt, hört man erheitert einige von seinen berühmt-berüchtigten „Ich“-Sätzen: „Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“ Am Ende der Ausstellung kann man sich Manuskriptseiten und Zettel ansehen, einige Anspielungen entschlüsselt bekommen, merkt auch, wie selbst- und geschichtsbewusst Schmidt manches für die Nachwelt präpariert hat. Auf einem Blatt Papier steht: „Wichtig! Da altes Schreibpapier von 1946 aus dem Formular-Kasten der ‚Eibia’ in Benefeld“. Oder, selbstironisch, auf einem Etikett seines bevorzugten Schnaps: „Während der Niederschrift stark benützt“.
Es ist in Marbach also tatsächlich „ein Tablett voll glitzernder snapshots“ aufgebaut, in einer schönen, rhythmisch gegliederten, anregenden Ausstellung: ein wahres Prunkstück für Marbach, wenig papiern, mit technischen Hilfsmitteln, die man gar nicht bemerkt. Natürlich fehlt auch viel, wird nur erwähnt, wie seine Freundschaften mit Andersch, Michels oder Wollschläger. Man kann eben nicht alles ausstellen. Aber am meisten fehlt doch ein wenig die systematische Hinführung zum Werk selbst. Einige gründliche, vielleicht exemplarische Hinweise auf seine Arbeitsweise: Wie hat er die Wirklichkeit in Literatur verwandelt? Was waren seine Themen? Was steckt alles in seinen Nebenbemerkungen, Seitenhieben, Zitaten? Wieso blieb er so ein Einzelgänger, wenn doch die Ausstellung einen so humor- und phantasievollen Menschen vorstellt?
Aber das Wichtigste ist vielleicht doch: Man wird in Marbach mit einem verletzlichen, sensiblen und vielschichtigen Menschen bekannt gemacht. Man wird, auch wenn man noch nie etwas von Schmidt gelesen hat, der als „schwieriger Autor“ gilt, angeregt, seine Bücher zu entdecken, wird sich von seinem Humor, seiner Ironie, seinen Bösartigkeiten und seiner Wortkunst faszinieren lassen.
(Bis zum 27. August. Deutsches Literaturarchiv Marbach. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Mittwoch 10 – 20 Uhr, an Feiertagen 10 bis 18 Uhr) Siehe auch unter DLA Marbach
Giorgione - 2. Jun, 16:41
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