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Die Tote auf der Couch. Jean-Pierre Gattégno schreibt über einen trotteligen Psychoanalytiker

Der Mann ist ein Trottel. Man kann es kaum anders ausdrücken. Er ist französischer Psychoanalytiker, und kein besonders guter: Immer wieder schläft er ein, wenn „seine Neurotiker“ - eine masochistische Kleptomanin, ein „Schnellschießer“, eine verklemmte Mathematiklehrerin – auf der Couch liegen und ihm sermonhaft ihre Gedanken, Assoziationen und Träume erzählen. Es ist sogar so schlimm geworden, dass seine Frau, auch eine Analytikerin, ihm sagen musste: „Für’s Pennen wirst du nicht bezahlt.“ Nun, doch, denn die Leut’ geben ihm brav immer wieder Hunderte von Francs für’s Nichtstun.

Und dann liegt seine Kleptomanin Olga auf der Couch, und er pennt wieder ein, und dann wacht er wieder auf, und Olga liegt immer noch auf der Couch, aber nun ist sie tot. Erwürgt. Was tun? Michel Durand weiß gar nicht, was er tun soll, er ist völlig verwirrt. Er versucht, sie wiederzubeleben, was ihm nicht gelingt. (Dabei beobachtet ihn seine Putzfrau, die denkt, er hätte Sex mit einer Patientin.) Polizei anrufen? Er versucht, seinen Freund Chapireau im nahegelegenen Komissariat zu erreichen, aber der ist nicht da. Er überlegt: Wird man mir glauben? Natürlich nicht. Und dann kommen die nächsten Klienten. In seiner hirnlosen Panik versteckt er die Leiche erst einmal unter der Couch. Seiner Geliebten überlegt er, folgende Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen: „Wärhend ich schlief, wurde eine Patientin erwürgt - kann sein, dass ich der Täter bin – liefere mich der Polizei aus – begehre dich nach wie vor – Michel.“

In diesem Stil geht es durch den ganzen Roman. Durand ist und bleibt trottelig. Seinem Supervisor, dem uralten Zlibovic (!), der Freud und Lacan noch gekannt hat, erzählt er von der Sache, aber der kann ihm auch nicht raten. Seine Patienten spüren die seltsame Atmosphäre und machen laufend Anspielungen. Denkt er. Natürlich steht auch noch Olgas Auto vor der Tür und lässt sich nicht wegbewegen, weil die Batterie eingefroren ist. Und dann ist da noch der Arbeitslose Herostrat, der im Viertel herumstreunt und Andeutungen macht. Oder versteht Michel das alles falsch? Versteht er, weil er Psychoanalytiker ist, hinter allem, was gesagt wird, immer noch etwas anderes? Oder überhaupt etwas ganz anderes?

Eines Nachts, als er betrunken heim kommt, hat er einen wüsten Traum. Er wacht auf und merkt, dass er sein Kopfkissen würgt. Als ihn seine Geliebte anspricht, ist das einzige, was ihm einfällt, nachzusehen, ob sie auch solche Strümpfe anhat wie Olga. Als er die Tote in seinen Wagen schleppen will, legt er eine 1-a-Slapsticknummer hin, um die ihn Buster Keaton beneidet hätte. Schließlich wird auch noch Olgas Mann, der ihn besuchte und bedrohte, erschossen, als er gerade in dessen Villa ist. Und es fehlen 7 Millionen Francs. Ein kunterbuntes Durcheinander.

Es ist sehr schön, einmal einen Psychoanalytiker zu erleben, der nicht wie in den meisten Filmen und Romanen der Allwissende ist, die graubärtige Eminenz, die noch den letzten Traum entschlüsseln kann. Ganz im Gegenteil: Hier ist ein Analytiker, der gar nichts versteht. Mehrfach gerät er in Verdacht, wird vorgeladen und verhört, überlegt sich voller Panik, was er jetzt wieder falsch gemacht hat, bittet auf dem Friedhof Père Lachaise, wo er Olga vergraben will, einen nächtlichen Passanten, ihm zu helfen: Es geht alles schief. Nichts wird aufgeklärt.

Ist das der Zustand der Psychoanalyse? Neidische Analytiker, die über die amerikanischen Kollegen herziehen, weil die sich gegen schlecht behandelte Patienten versichern lassen und sich Sorgen um einen Fluchtweg vom Sessel zur Tür überlegen? Geldgierige Analytiker, die sich enorme Summen bezahlen lassen für nichts und wieder nichts? Einschlafende Analytiker, die überhaupt nicht interessiert, was die Patienten da von sich geben? Patienten, die auch nicht zu interessieren scheint, was mit ihnen gemacht (bzw. nicht gemacht) wird? Am Schluss heißt es: „Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wie ein Psychoanalytiker gesprochen zu haben.“ Soll man das glauben? Ich hoffe, der Roman ist eine Karikatur der Psychoanalytiker. Ich fürchte, es ist keine.

Abgesehen von dieser bitteren Erkenntnis: Der Roman liest sich sehr locker, ist in seinen Verästelungen und Verirrungen des armen Analytikers, dem niemand helfen kann, witzig und leicht geschrieben, bietet ständig Überraschungen, ist gut beobachtet. Geschrieben ist er aus der Ich-Perspektive, sodass man dem von sich, den Patienten und seinen Frauen, das heißt: vom Leben völlig überforderten Mann gut folgen kann. Eine nette, kleine Lektüre. (Was allerdings der schwachsinnige und völlig sinnlose Titel soll, wird einem niemand je erklären können.)

Jean-Pierre Gattégno: Schnee auf den Gräbern. Btb-Taschenbuch 1999, 254 S., 8,50 Euro

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