Über Weblogs

schreibt Hanns-Josef Ortheil: Heute nämlich sitzen die Autoren und Dichter nicht mehr allein in ihrer Klause, sondern bewegen sich mit ihren Texten und Weblogs im Netz. Die Weblogs sind ins Netz gestellte Tagebücher, Notizen oder Werkstattberichte, die von jedermann eingesehen und kommentiert werden können. So nimmt der Leser gleichsam ungefiltert und zeitgleich an der Entstehung von Texten teil, die man nicht mehr als Botschaften aus einer Isolation, sondern als Elemente einer kommunikativen Strategie verstehen muss. Die Werkstatt von heute ist daher eher ein kollektives Projekt als die schalldichte Höhle von früher.
ConAlma - 28. Okt, 09:46

Meinen Kommentar hab ich hierhin getan.

Giorgione - 28. Okt, 11:26

"Braver Zitierer"

das bin ich. Danke.
ConAlma - 28. Okt, 11:58

Hab's eh verlinkt ;-)
albannikolaiherbst - 28. Okt, 13:42

...wobei das s o, wie Ortheil es darstellt, eben a u c h nicht stimmt.

Die meisten guten Autoren, geschweige Dichter, die ich kenne, m e i d e n noch immer das Netz oder lehnen es sogar ab; das ist nicht nur eine Frage des Alters, also der Generation, der eine/r zugehört. Bisweilen meiden sie auch noch den Computer und in einigen Fällen sogar die Schreibmaschine. Überdies irrt Ortheil sogar noch im schalldichten Raum; wenn den nicht der Alkohol schafft, wie bei nicht wenigen, sitzen und saßen Dichter immer auch im offenen. Weder Hemingway, der Großwildjäger, noch auch Kafka, der zahllose technische Inventionen bei der Arbeiter-Versicherungs-Anstalt erfand, entsprachen dem von Ortheil hier hintertragenen Bild. Auch in der Moderne etwa Cortázar nicht; und Thomas Pynchon, als er sein mit Recht weltberühmtes "V" schrieb, war technischer Zeichner. Benn war Arzt und als solcher permanent mit Haut- und Geschlechtskrankheiten befaßt. Von 'schalldichten Höhlen' läßt sich da ganz sicher nicht sprechen.
Giorgione - 28. Okt, 18:59

Wahrscheinlich haben sie Angst

vor der Zeitfressmaschine Internet, gar dem Blogwesen. Vielleicht haben sie auch keine Lust auf die vielen Unsinnigkeiten, denen man hier begegnet. Ich habe ja auch schon mehrmals die Stupidität und die oft aufblitzende Aggressivität erfahren und entdeckt. Als Autor, der selbst was schreiben will, ist das nun sicher oft sehr störend.

Allerdings sind natürlich nicht alle Dichter so. Es gibt ja doch ein paar Beispiele für Blogs von Autoren. Wenn ich auch zugeben muss, dass ich noch keines gefunden habe, was mich begeistert (habe aber auch noch nicht danach gesucht, allerdings ((Ausnahme? Anobella. Aber die ist ja erstens immer Zigaretten holen, und zweitens noch nicht Autoren. Hoffentlich bald.))

Und sein Satz vor dem von Ihnen ANH bespießten ist auch falsch: "So nimmt der Leser gleichsam ungefiltert und zeitgleich an der Entstehung von Texten teil, die man nicht mehr als Botschaften aus einer Isolation, sondern als Elemente einer kommunikativen Strategie verstehen muss." Der Leser nimmt ja gar nicht teil, und die Bücher sind ja auch immer Kommunikationsversuche. Ist mir alles etwas zu ungenau.
albannikolaiherbst - 28. Okt, 19:15

Versuchen Sie's mal mit meinem.

Das kostet aber Einlesezeit und also Arbeit.

Tatsächlich l ä ß t sich da an der Werkstatt teilnehmen, auch kommentierend, und nicht selten gingen solche Kommentare in den Text selber ein. In theoretische Überlegungen sowieso. Ich hab speziell darüber einen Aufsatz geschrieben, der für einen Vortrag verknappt und aus diesen Fragmenten gefiltert wurde (sie sind untereinander verlinkt und kommen teils zu einander widersprechenden Ergebnissen). Surfen Sie einfach ein wenig durch die Rubriken.

ConAlma - 28. Okt, 19:27

Die Dominanz des Lokalen/Jedem sein Künstchen

In einem >>Interview sagt Reinhold Messner: "Ja, es geht alles in Richtung Lokales, es ist nicht mehr ein Spiel zwischen den besten Leuten der Welt."
Wenn Begriffe wie Literatur und Dichtung aus dem ästhetischen Zusammenhang Kunst in eine Umgebung von "Wer bastelt mit" gezogen werden, dann ist die Wahrscheinlichkeit der Verformung zur "Lokalberichterstattung" groß. Und suggeriert, dass kein künstlerisches Werkzeug notwendig, sondern der geeignete Ratgeber ausreichend sei.

Umgekehrt bedeutet es aber n i c h t, dass ein Dichter (ich nehme dieses Wort, weil es mir das liebste ist) sich nicht der beschriebene Techniken bedienen könne, die selbstverständlich die Wechselwirkung mit Lesern und Bloggern inkludiert, ohne sich aus dem ursprünglichen Raum der Kunst zu entfernen.

Eine s o l c h e Netzwerkstatt ist aber nicht mit der eines Rembrandt zu vergleichen, wo irgendwann nicht mehr erkennbar ist, wessen Werk man vor Augen hat. Aber das Mitverfolgen von Auseinandersetzungen ist eine lohnende Zeitverwendung. Ganz ohne sch.
Giorgione - 28. Okt, 20:20

Aber nur,

werte Conalma, wenn die Auseinandersetzung auch eine Zusammensetzung beinhaltet. Und da habe ich im Netz noch nicht viel gefunden, was wirklich lohnenswert wäre. Bei dpr haben wir einige Male über den Krimi diskutiert, das fand ich sehr lohnend. Aber sonst bleibt es meist bei irgendwelchen G'schichtlen, die man sich erzählt. Das ist sowieso nicht meine Welt. Ich lese sie manchmal ganz gerne, aber ich erzähle keine. (Wie man hier auf dem Blog auch sieht.) Ich bekomme durch die Geschichten manchmal Anstöße, über mich nachzudenken und Geschichten zu entdecken, aber sie sind mir allesamt zu privat, als dass ich sie wiedergäbe. Da bleibe ich lieber bei meinen "Fundsachen". (Und allzuviel ist mir zu dumm, zu unausgegoren, zu hingerotzt, zu unreflektiert. Da antworte ich gar nicht erst.)

Mit der Einlesezeit ist das eben so eine Sache, da bin ich wieder bei meiner Zeitfressertheorie. Und ich habe schon so viel Bücher da herumliegen, die ich noch lesen wollte, und dann die alten, die ich nochmal lesen wollte, und dann noch mein Berufsleben und mein Privatleben außerhalb der Bücher....
Aber an einer Werkstatt will ich gar nicht teilnehmen. Ich will ein fertiges Buch lesen, von vorne bis hinten. Oder wenn ich lektoriere, dann will ich das auch ernsthaft tun, und dazu habe ich noch keine Einladung eines Autoren bekommen. Und auch das kann und will ich nur, wenn der Autor meint, er sei fertig. (Mache ich oft, bin recht streng.) Ja genau, das ist es: Ich will nicht "mit"schreiben. Das würde ich nur bei guten Freunden, sehr guten Freunden machen.

Es hat allerdings auch Schreiberteams gegeben, die es geschafft haben, gemeinsam etwas zustande zu bringen. Tankred Dorst und Ursula Ehler (ich weiß aber nicht, wie viel sie dazu beiträgt), Fruttero und Lucentini, Sjöwall und Wahlöö fallen mir ein.
ConAlma - 28. Okt, 22:27

Hei,

Du kannst ja doch selber schreiben! ;-)
Aber sicher, Deine Argumente sind ok - es gibt B ü c h e r. Und es gibt zu viele Pseudoblogs. Und es braucht Zeit, die "guten" zu finden. Und die wenigsten haben Werkstättencharakter (was wiederum das Zitat aus dem Buch in Frage stellt). Deshalb bleib ich ja auch bei dem einen, der ist mir wie ein Spiegel.
Hab ja auch noch Arbeit sonst und Kinder.

Aber die Sache mit Work in progress, die Transparenz, das Miterleben: eine unschätzbare Fülle an Lernstoff!

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