Eigentlich wollte ich

ja nichts darüber schreiben. Das ist ja wirklich zu dämlich. Aber dann hat sich Anobella schon aufgeregt: "Der schönste erste Satz" stammt von Günter Grass, heißt es in den Zeitungen. Welcher Satz? Dieser: Ilsebill salzte nach. Aus dem Butt.

Das soll der schönste erste Satz sein? Ich fasse es nicht. Eine Prominentenjury habe das ausgewählt, heißt es. Welche Hohlköpfe saßen denn in dieser Jury? Welche Trottel setzen denn Ilsebill vor Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt? (In der Jury saß auch Elke Heidenreich - da weiß man dann schon genug.)

Auch der dritte Platzsatz ist schöner als Grass': Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging.

Gar nicht erwähnt wurde dieser: Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, – nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Menschen in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden sollte, daß es seine Geschichte ist und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.

Und schon gar nicht dieser: Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

Oder der: Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg. Oder jener: Er stand vor dem Tor des Tegeler Gefängnisses und war frei. Oder, aus einer etwas ferneren Zeit: Solange Haßlau eine Residenz ist, wußte man sich nicht zu erinnern, daß man darin auf etwas mit solcher Neugier gewartet hätte – die Geburt des Erbprinzen ausgenommen – als auf die Eröffnung des van der Kabelschen Testaments.

Mehr? Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, das heißt, wir werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein.

Wahrscheinlich hätte ich diesen hier gewählt: In unserem Wassertropfen: Ein metallisch blauer Kegel kam mir entgegen; im Visierei 2 stumpfe Augenkerne.

Aber. Wer war in der Jury? Außer Frau Heidenreich die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, die Schriftsteller Thomas Brussig und Paul Maar, Handball-Bundestrainer Heiner Brand sowie ZDF-Moderatorin Marietta Slomka. Urgs.
Anobella - 7. Nov, 09:22

Sagichdoch. Es ist nur eine Anbiederung an Grass. Ein nachgereichtes Geburtstagsgeschenk zum Achtzigsten.

*e r t r ä g t es nicht mehr

Giorgione - 7. Nov, 10:21

Sag' ich doch,

dass du das sagst.
tinius - 7. Nov, 10:22

Die ganze Idee ist hirnverbrannt. Zwar ist mir bewußt, daß erste Sätze durchaus die Funktion haben, in das Werk zu leiten, möglicherweise die Stimmung eines Buches, einer Geschichte anklingen zu lassen, aber das Wählen, Auflisten letzter und erster Sätze ist kleinkindhaft idiotisch.

Anousch O. - 7. Nov, 12:59

Der erste Satz aus dem "Butt"...

...ist daher ein schöner Satz, weil gut komponiert ist. Es gibt zwei Lautfolgen: Ilsebill salzte nach.

Der schönste, weil düster-raunende erste Satz der deutschsprachigen Literatur, stammt natürlich von Adalbert Stifter:

>>>"Der Turmalin ist dunkel, und was da erzählt wird, ist sehr dunkel."

Giorgione - 8. Nov, 08:32

Natürlich.

Wieso natürlich? So natürlich ist Stifter nicht.

Was ich immer schon mal wissen wollte, woher meine Erinnerung kommt, dass Arno Schmidt mal gesagt haben soll: "Stifter ist nicht ein Würstchen, sondern ein Koloss von Würstchen." Die großen Arno-Schmidt-Experten kennen das nicht als Zitat.
Anousch O. - 8. Nov, 17:22

@giorgione

Stifter ist der Sonderling des an Sonderlingen nicht armen 19. Jahrhunderts. In der Gemeinde zählt er zu den one of the greatest of all times. Die Bibliotheken - insbesondere die dekonstruktivistischen - sind prall gefüllt mit Stiferiana. Wenn Sie daran interessiert sind, lasse ich Ihnen ein Exemplar meiner Magisterarbeit zu den pathografischen Tendenzen in seinem Werk zukommen. Dann wissen Sie vielleicht, warum ich ihn natürlich zu den Größten zähle. Arno Schmidt mag ja immer noch eine Autorität sein, aber was seine Aussagen zu Stifter angeht, so sagen die mehr über Schmidt selbst aus, sind also symptomatisch. Th. Bernhard hat auch deftigst über Stifter gewettert, aber das grenzte schon fast an verzweifelte Liebe.
Giorgione - 8. Nov, 22:51

Ja, Bernhard.

Ich bitte, in diesem Fall Anobella zu konsultieren - die ist die Bernhard-Autorität auf twoday. Und Schmidt: alle seine Aussagen zu Kollegen sagen in hohem Maße vor allem etwas über Schmidt aus. Vor allem, wenn er sie nicht gemocht hat. Hat er einen geliebt, wie Wieland, war es immer passender. Seine Invektiven aber sind von einer kolossalen Ungerechtigkeit, und deswegen nicht minder schön. Auch wenn sie, vielleicht, nicht treffen.

Ich jedenfalls habe Stifter noch nie gemocht. Und ich glaube auch nicht, dass sich das noch ändern wird. Dann lieber einen der anderen Sonderlinge. Jean Paul, vom Anfang. Oder Nestroy.
bruce (anonym) - 7. Nov, 14:49

Die Heidenreich

ist ja noch harmlos gegen den unsäglichen Thomas Brussig. Wo der seine Finger drin hat (und die hat er viel zu überall), da ist echt nix mehr zu retten.

albertsen - 7. Nov, 15:23

Hat die Heidenreich nicht erst neulich wüst gegen Grass gepübelt. Altmännerliteratur und so?

walhalladada - 8. Nov, 00:03

Deftig...

Die Unsinnigkeit eines solchen Preises steht ja ganz außer Frage, aber jucken tut es einen dann doch,
der Entscheidung der 'Jury' eine Alternative entgegen zu setzen. Lautmalerisch ist der Siegersatz sicherlich gelungen und auch der kaschubischen Deftigkeit mit ihm Rechnung getragen, aber es juckt trotz allem weiter und ich nehme die Gelegenheit dankbar wahr, mich hier endlich zu kratzen:

"Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagerndem Maximum zu,
und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen."

D a s fügt sich zum Satz! Aber Siegertreppchen sind ja schmale Angelegenheiten, und dieser Tatsache hat die 'Jury' eben einfach entsprochen...

Giorgione - 8. Nov, 08:33

Einer der schönsten Anfänge überhaupt.

Außerdem verstößt er gegen die Regeln von Herrn Leonard, dass man nie mit dem Wetter anfangen soll. Nicht darf.

* Regeln sind blöd.
schmollfisch - 8. Nov, 00:52

Bei Anobella

habe ich ja schon "Nennt mich Ismael" erwähnt.
Aber bei der Aufzählung hier fällt mir ein, dass ich vor Jahren schon mal im Literaturcafé herauszufinden suchte, welchen Roman der folgende Satz einleitet:
"Weil ein Nagel fehlte, ging das Königreich verloren."
Ich weiß sogar noch, dass das nicht der vollständige Satz war. Nach "verloren" kam ein Gedankenstrich und dann ging es ganz normal prosaisch weiter, ohne gekünstelte Metaphorik.
Mit anderen Worten, ich sehe die Seite (beinahe) vor mir, es war nach meiner Erinnerung ein dickes Hardcoverbuch in eher kleinem Druck, aber welches? welches???
Jedenfalls bestimmt ein im Original britisches! Oder ich müsste mich sehr täuschen!
Vielleicht kann mir jemand helfen?

Anobella - 8. Nov, 07:22

die lösung ist das glaube ich nicht,

aber vielleicht kommst du damit weiter:

http://en.wikipedia.org/wiki/JLA:_The_Nail

(So it was a kingdom was lost - all for want of a nail.)
albannikolaiherbst - 8. Nov, 09:11

Das geht ja noch, wenn Sie diese Jury mit der Gruppe von Leuten vergleichen, die Gerhard Schröder in Sachen Kultur berieten.

Doch zu den Sätzen selbst:

Die alten Götter waren tot, jene heiteren, deutlichen und liebenswerten Götter, die man so gern verehrt hatte, weil man wußte, auch in ihren Seelen wohnten der Regungen einige, die den Menschen zu einem Gott und den Gott zum Menschen machen.
[>>>> Wolf v. Niebelschütz, Der Blaue Kammerherr.]

Giorgione - 8. Nov, 09:51

"Der Regungen einige" -

hm, das könnte ich glatt in mein Repertoire aufnehmen. Anobella wär' entzückt.

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