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Menschenfreunde. Eine Rezension

von Dieter Paul Rudolphs Kriminalroman „Menschenfreunde“ .

Fußballtrainer! Wo haben die das nur her? „Die Spucktechnik. Verwickle deinen Gegenspieler in einen Disput, mach ihn heiß, bis er das Maul aufreißt. Achte darauf, dass der Abstand zwischen euren Mäulern höchstens dreißig Zentimeter beträgt, vergewissere dich, dass weder Schieds- noch Linienrichter in der Nähe sind oder unverstellte Sicht auf euch haben. Advanced technique: Einer deiner Mitspieler stellt sich entsprechend zwischen euch und den Schiedsrichter. Dann warte die beste Gelegenheit ab. Das Maul deines Gegenspielers muss weit offen sein (sag ihm, seine Frau treibe es gerade mit einem langschwänzigen Neger oder seine Mutter stehe wohl immer noch auf dem Autostrich). Sammle genügend Spucke in deinem Mundraum (damit solltest du schon beginnen, wenn dein Gegenüber angefangen hat, DEINE Frau eine ausgeleierte Hure zu nennen), atme tief ein, öffne den Mund und katapultiere die Spucke in den geöffneten Mund des anderen. Wende dich dann ab oder, noch besser, mache besänftigende Hand- und Armgesten (achte darauf, dass der Schiedsrichter sieht, wie du die Situation zu entschärfen versuchst). Dein düpierter, ja schockierter Gegenspieler wird nun lauthals gegen dich wettern, vielleicht sogar handgreiflich werden (garantierter Platzverweis). Zucke nur mit den Schultern, bedeute dem Schiri, dass du gar nicht weißt, was der da eigentlich hat. Er wird behaupten, du hättest ihm in den Mund gespuckt, kann aber das Corpus delicti, das sich längst in seiner Speiseröhre (optimal) oder noch in seinem Mundraum befindet, nicht vorweisen. Selbst wenn es nicht zu Tätlichkeiten und daraus folgend zu einem Platzverweis kommt, wird dein Gegenspieler so verwirrt sein, dass er zu unüberlegten Handlungen neigt. Dieses zu erreichen, ist natürlich das Ziel der ganzen Aktion.“

Ist das echt? Ist das normal? Hat sich vielleicht deswegen Zinedine Zidane zu einem Kopfstoß hinreißen lassen? Und wie kann einem so etwas einfallen, ohne dass man schwer gestört ist. Lanhoff fällt so etwas ein, und er ist schwer gestört, denn er ist Fußballtrainer. Und zwar einer, der in seiner Freizeit Bücher von Jean Paul und Chamisso liest oder die „Recherche“ und eigentlich Fußball hasst. Auf jeden Fall hasst er die doofe Bande von Möchtegernfußballern, die er trainieren muss. Aber was bleibt ihm übrig. Also rettet er sich in Sarkasmus und Sadismus. Er schikaniert die Spieler, damit sie wenigstens ein bisschen Leistung bringen, und ist der begnadete Schauspieler: Er „spielte die Leidenschaft leidenschaftlich“ und war ansonsten „ein Arbeiter im Bergwerk des Geistes“.

Dabei wurde er nur durch einen Zufall Trainer. Früher war er selbst Fußballspieler, dann fiel er aus, wurde Ersatztrainer, dann arbeitslos und ging in seine Heimat zurück. Kurt Zeilert, ein alter Schulfreund von ihm, der studiert hatte und jetzt mit einer Firma reich geworden war, kaufte sich eine Fußballmannschaft und ihn als Trainer.

Aber jetzt ist ein Mord passiert. Roswitha Brecher, die Sekretärin seines Freundes, wird erdrosselt im Wandschrank gefunden. Natürlich gerät Zeilert in Verdacht, aber auch Lanhoff. Vielleicht sind die beiden ja schwul und haben zusammengearbeitet? Da Lanhoff ein Denker ist, denkt er nach, über den Mord, über die Beziehungen in der kleinen Stadt, über die Hauptkommissarin Cornelia Bahlke, mit der er sich, ganz nach Art von Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, schöne Rededuelle leistet. Und am Schluss ist der Fall natürlich aufgeklärt. Ebenso die kleinen, pfiffigen Sabotageakte, die aus unterschiedlichen Gründen verübt werden.

Dieter Paul Rudolph, Germanist, Multimedia-Entwickler, Kriminalgeschichte-Forscher, Kritiker und Herausgeber, hat mit „Menschenfreunde“ sein zweites eigenständiges Buch publiziert (das erste, im Eigenverlag, erschien 1989). Es geht eigentlich nur am Rand um Fußball, vor allem geht es um menschliche Beziehungen. Und um die unmenschliche Wirtschaft, die die Menschen zu ihrem eigenen, niedrigen Menschenbild herabwürdigt.

Denn dass die Sekretärin bei der Arbeitsplatzbeschreibung hört: „Sie werden mit mir schlafen müssen, das gehört zu Ihrem Tätigkeitsfeld“ und nur dazu nickt, geht vielleicht noch in Ordnung. So ganz unrecht scheint es ihr nicht zu sein. Immerhin war sie in ungekündigter Stellung und hätte ablehnen können. Dass Lanhoff die Fußballer schikaniert, vielleicht auch noch. Schließlich gehört das zur Trainertaktik, runtermachen und wieder aufbauen. „Menschenführung“ heißt das wohl. Schön ist es nicht, aber wenn es wirkt…

Ein anderes Spiel aber ist die wahrscheinlich gängige Praxis, andere Betriebe zu unterbieten, sie damit zu ruinieren und die Angestellten, wenn sie dann beim Arbeitsamt gelandet sind, billig einzukaufen (das Arbeitsamt bezahlt’s) und damit das Stammpersonal abzubauen. Oder die Intrigen in der Firma, die in „Menschenfreunde“ ausbrechen, als Zeilert verschwindet und Lanhoff die Leitung der Firma übernimmt. Keine Ahnung von Wirtschaft hat, aber zuhören kann, „Menschenführung“ beherrscht, die leitenden Angestellten gegeneinander ausspielt und schließlich alles im Griff hat. Natürlich gehört im Krimi das alles zusammen, und natürlich löst Lanhoff diesen Fall.

Dieter Paul Rudolph hat einen sehr spannenden Krimi geschrieben, dessen Spannung nicht nur in der vorwärtstreibenden Handlung liegt und in manchen Szenen voller wunderbarem hitchcockschem und highsmithschem Suspense. Aus vielen Perspektiven erzählt er, distanziert und wohlwollend zugleich, sarkastisch und menschenfreundlich, von Menschen, die mit anderen Menschen nicht so recht zurechtkommen und auch nicht wollen, aus Selbstschutz vor allem. Manch einem wird vielleicht der Sarkasmus zu viel werden. Er lasse sich nicht täuschen, auch Arno Schmidt (der wie beiläufig hier und da zitiert wird) versteckte seine Liebe zu den Menschen und zur Natur hinter einem oft schnoddrigen Zynismus. Auch Rudolph versteckt seine Kritik an den unmenschlichen Zuständen, aber manchmal bricht doch auch die lyrische Ader in ihm durch, so wenn ein alter Herrn, nachdem die Kommissarin gegangen ist, „versonnen die Lippenstiftspuren an der Teetasse (betrachtete) und seufzte“.

Auch seine Nebenbeibeschreibungen von menschlichem Innenleben sind von poetischer Zärtlichkeit: „An den seltenen Tagen, da sie ihre sechs Stunden gesunden Bettschlafes genossen hatte, konnte sie fast fröhlich sein, leb- und görenhaft, kindisch verspielt und neugierig wie eine junge Katze vor einem Gebüsch, in dem die Maus vorsichtig ein Bein vors andere setzt. Dann war die launische Kuh des Berufsalltags, als die sich einen unantastbaren schlechten Ruf erworben hatte, plötzlich das springende Kälbchen.“

Dabei ist bei aller Kritik an den Zuständen, die einem das Leben so schwer machen, der Roman voller Humor (aber es in der Reihe „Funny Crimes“ zu publizieren, ist schon etwas arg daneben, „funny“ ist hier nichts). So wenn sich Lanhoff und Bahlke ständig anpflaumen, er den Prolo spielt und sie dann erstaunt ist über die paar tausend Bücher, die er zu Hause hat. Natürlich muss er sich verteidigen, da es um seinen schlechten Ruf geht und er eigentlich die Menschen nicht mag. Natürlich gibt es eine kleine Liebesgeschichte, denn wie fast alle sarkastischen Romane ist auch dieser eigentlich ein romantischer Liebesroman. Und wenn es heißt: „Die Kommissarin hat noch nie durch romantische Mitfühlsamkeit geglänzt“, so stimmt auch das nur zum Teil.

Nur der Schluss, der hier natürlich nicht verraten werden darf, lässt einen etwas ratlos zurück. Soll er wahrscheinlich auch, denn er hat dann mehr mit der Fantastik Perutz’ oder Ambrose Bierce’ als mit Prousts „Suche“ oder Chamissos „Gauner“ zu tun, den sich Lanhoff einmal kauft. Hätte er ihn früher angekündigt, die Schleife etwas größer geknüpft, wäre auch der Schluss besser und genauer gelungen. Aber genialisch ist diese letzte Volte schon.

Rudolph hat eine elegante, schmiegsame, prägnante und pointierte Sprache, mit der er sicher und gewandt eine tolle und leider auch normale Geschichte erzählt. Es ist eine frische, freche, oft ungewohnte Sprache (so gibt es einmal einen schönen arno-schmidtschen Zeilensprung ohne Punkte), eine Stimme, die in der allzu langatmig erklärenden, umständlichen und humorlosen Krimiszene Deutschlands lange vermisst wurde. Jetzt ist sie da. Ein Drittling liegt fast schon in der Schublade bereit. Hoffen wir, dass auch die Juroren der Krimiwelt-Bestenliste die Qualitäten erkennen. Ein paar Preise hätte er schon verdient.


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Später, viel später und auf Wunsch eines einzelnen Herren: Was ich vergessen hatte zu schreiben: "Menschenfreunde ist natürlich auch ein Frauenkrimi."
ohne Name (Gast) - 15. Aug, 16:52

Jetzt

soll der Alligator noch mal behaupten, bei Georg gäbs nix zum Genre! - Und von den "Menschenfreunden" liegen noch zwei bei Amazon rum! Sowie in jeder Buchhandlung! Und beim Verlag! Und bei mir zu Hause!

bye
dp...äh ohne Name
*muss "loon" eingeben
*lohnt sich!

bernd (Gast) - 15. Aug, 16:55

So so, Arno Schmidt

so gibt es einmal einen schönen arno-schmidtschen Zeilensprung ohne Punkte

Giorgione - 16. Aug, 06:43

Ja, ja, Arno Schmidt.

Was meinst du denn damit? Unzufrieden? Nicht einverstanden?
dpr (Gast) - 18. Aug, 10:59

Zum "Zeilensprung":

Das hat Schmidt wohl so gemacht, klar. Aber ich habs nicht gemacht, weil es Schmidt so gemacht hat, sondern weil es eine sehr schöne Möglichkeit ist, ein Perspektiv-/Aufmerksamkeitswechsel anzudeuten. Das ist die Ungnade der späten Geburt: Alles was wir machen, haben andere vor uns gemacht. Hätte ich damit vor 200 Jahren gearbeitet, ojoiojoi, wäre das innovativ gewesen! - Und willst du mir jetzt auch noch den Joyce anhexen, Bernd? Yes, you will!

bye
dpr
bernd (Gast) - 17. Aug, 14:49

Es wird an meiner mangelnden Kenntnis liegen.

Die entsprechende Stelle habe ich schon gesehen gehabt, hab' die Bezeichnung aber nicht gekannt (Danke !). Ist im zeitgenössischen Krimi nicht ganz ohne Parallele.

Und weil ich eben keine Ahnung habe, schon 'mal das Ende von Ulysses gelesen ?

Giorgione - 18. Aug, 08:50

ja ich will

Ja.

Ja, Penelope.
bernd (Gast) - 18. Aug, 17:05

Nein lieber dpr,

den James Joyce will ich Dir nicht andichten ... Menschenfreunde scheint mir lesbarer zu sein.

Ich wollte auf das 'raus, was Du geschrieben hast. Olen Steinhauer hat mir mal erzählt, dass er von der Kritik mit allen möglichen Leuten verglichen wurde:

"Le Carre (who I had read at that point), Greene (who I hadn't), Bohumil Hrabal (still don't know who that is), Kundera (read, but I'm certainly nowhere near that level of brilliance), Alan Furst (hadn't heard of at the time) and Robert Harris (still haven't read)"

Mit anderen Worten, wenn zwei etwas ähnliches machen, müssen sie nicht von einander abschreiben. Aber es scheint mir so, als wenn Literaturwissenschaftler gern diese Zusammenhänge suchen - zeigt ja schließlich wie klug sie sind.

Ähnlich mit dem Zeilensprung, ich habe in diesem Jahr mindestes (außer Menschenfreunde) zwei Krimis gelesen, die einen enthielten (ich weiß allerdings nicht mehr welche, einmal wohl Allan Guthries Savage Night, oder war es dessen Hard Man ?). Ich find's mutig, aber nicht mehr außergewöhnlich.

muss "care" eingeben - in dem Sinne

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