Gelesenes

Dienstag, 18. Juli 2006

Arno Breker,

"Hitlers Lieblingskünstler", heißt es immer. In Schwerin gibt es jetzt eine Ausstellung zu seinem Werk. Aber anscheinend keine kritische, leider. Denn im Perlentaucher fand ich (aus der Süddeutschen):

Stefan Koldehoff ist gegen die geplante Schweriner Ausstellung von Arno Brekers Werk. Denn "Breker aufzuarbeiten, ist zur Zeit schlicht unmöglich, weil die nötigen Grundlagen dafür - Werk und Primärquellen - nicht zur Verfügung stehen." Das ist Brekers Witwe Charlotte vor. Zu ihren Archivschränken, "so berichtet ein an der Schweriner Ausstellung beteiligter Wissenschaftler, habe er keinen Zugang erhalten: 'Denen durfte ich mich nicht einmal auf zehn Meter nähern.'"

Da wäre ich auch lange aufgeblieben:

In der heutigen "Welt" steht, wie die Familie Grässlin zu ihrer Kippenberger-Sammlung kam:

Kippi blieb viele produktive Monate lang, ließ sich von Mutter Grässlin bekochen, okkupierte den heimischen Fernseher, etablierte ein eigenes Atelier - und kam immer wieder. Bald war das Enfant terrible der achtziger Jahre in den Kneipen vor Ort ein willkommener Stammgast, nur für seine Begleiterinnen aus der Familie Grässlin, fest verankert im Arbeitsrhythmus der elterlichen Firma, waren die St. Georgener Nächte manchmal zu lang. Kippi verstand es, sie zu ködern. Für jede überzogene halbe Stunde versprach er ihnen ein halbes Bild.

Montag, 17. Juli 2006

Bielefeld

ist doch wirklich eine schöne Stadt, oder? Auch das neue Du-Heft (767) findet das. Unter dem Motto "Zu Gast bei Freunden" reisen sie durch die Provinz, streifen Rostock, Elend, Radebeul, Karl-Marx-Stadt Chemnitz (doch, so steht das da), Karlsruhe, Schlitz, Göttingen und Herzogenaurach. Und andere Orte.

Martin Gülich schreibt etwas resigniert stolz über Karlsruhe (4:0 gegen Bayern München!) und Freiburg (zwei Plätze hinter dem KSC), Kerstin Hensel meint zu Chemnitz:

Jetzt hinter die Bücherregale
Wo Wollmäuse sich mit Göttern verbeissen:
Der Neger von Kleist, Woyzeck und Faust
Hoffmanns Gespenster die lyrischen Teufel,
schaufeln voll Kehricht
und Goethe und Schiller der ganze Heilige
Bimbam.


Aber Bielefeld. Jana Scheerer behymnisiert es: Gute Deutsche finden sich immer ein bisschen peinlich. Sie können alles, ausser sich mögen. Deswegen ist Berlin als Hauptstadt ein Irrtum. Und weiter: Der Bielefelder Lokalpatriot ist ein Oxymoron. Mein Bielefelder Erdkundelehrer riet uns elfjährigen Schülern, auf die Frage "Wo liegt denn dieses Bielefeld?" mit dem Satz "Irgendwo zwischen Hannover und Dortmund" zu antworten. Degradierender wäre wohl nur noch "irgendwo zwischen Gütersloh und Bad Oeynhausen" oder "in der Nähe von Bünde". Schön ist die Beschreibung, wie man zum Kesselbrink kommt oder die linguistische Selbstdiagnose: "Wir sind hier halt mehr so sture Westfalen, ne." Aber am schönsten=unverständlichsten ist das: Selbst nach sieben Jahren intensiven Bielefeldstudiums konnt man mich noch mit einem Satz wie "Der kommt halt aus Brake" aus der Fassung bringen.

Und den schwäbischen Werbespruch "Wir können alles. Außer Hochdeutsch" würden sie bestimmt abwandeln in: "Wir können nichts. Frag nicht." Meint Jana Scheerer.

Donnerstag, 13. Juli 2006

die Anekdote zu Botho Strauß

wollte ich doch noch erzählen:

Botho Strauß pflegte jedes seiner Bücher mit einer Widmung an Ernst Jünger zu schicken, ohne jedoch jemals eine Antwort zu erhalten. Im Tagebuch aber notierte Jünger, das Pseudonym gefalle ihm nicht: Vermutlich verwitwet und von Adel. Sein Bruder hätte seine Freude mit der Dame gehabt.

aus: Werner Fuld: Als Kafka noch die Frauen liebte. Unwahre Anekdoten über das Leben, die Liebe und die Kunst. Hamburg, Luchterhand Verlag 1994

(Ja, auch Kafka-Anekdoten!)

Samstag, 8. Juli 2006

Benn vs. Jünger

gab es in der Frühzeit der BRD auch, wie Julia Schröder in der Stuttgarter Zeitung weiß:

"Irgendwann, kurz nach Gründung der Bundesrepublik, wurde Gottfried Benn wieder berühmt. Ende 1949 erschien in den "Stuttgarter Nachrichten" ein kleines Feuilleton von Erich Kästner, "Marktanalyse", das schön zeigt, wie zwei schillernde Vertreter dessen, was sich während der NS-Zeit als "innere Emigration" verstanden hatte, wieder ins Geschäft gekommen waren: "Der Kunde zur Gemüsefrau: ,Was lesen Sie denn da, meine Liebe? Ein Buch von Ernst Jünger?" Die Gemüsefrau zum Kunden: ,Nein, ein Buch von Gottfried Benn. Jüngers kristalline Luzidität ist mir etwas zu prätentiös. Benns zerebrale Magie gibt mir mehr."" Wer so veräppelt wird, kann kein ganz Unbekannter sein."

Die Ausstellung im Marbarcher Museum für Literatur der Moderne findet sie allerdings grausig: man kann dem Publikum keine Schau wie diese zumuten. "Schau" ist überhaupt kein Ausdruck für das, was einen erwartet: ägyptische Finsternis mit fünf Vitrinen. (...) Dazu wird ein kopiertes Faltblatt gereicht, mit einer handgefertigten Skizze auf der Rückseite (in Marbach nennt sich so was "Mindmap") und auf der Vorderseite Erläuterungstexte, die man neben den Exponaten schmerzlich vermisst. Die Entzifferung dieser wertvollen Hinweise ist leider nur dem möglich, der den Raum verlässt."

Und sie schließt mit:" "Mit Hilfe der Askese" soll, nach Barthes (wem sonst?), "eine ganze Landschaft aus einer Saubohne" herausgelesen werden. Zuweilen sieht die Askese dem Unvermögen verteufelt ähnlich. Vitrinen voller Flachware sind tatsächlich nicht besonders hip, durch unübersichtliche Darbietung werden sie aber nicht hipper."

Na, dann muss ich da ja wirklich nicht hinfahren. Sondern kann auf den von Julia Schröder auch belobten Katalog warten, das Marbacher Magazin.

Dienstag, 27. Juni 2006

Damaschke listet Mist auf

getrau nach dem Motto »Computer, what is the mist I’m seeing?« (»Computer, was ist das für ein Mist, den
ich da sehe?«)
von Dr. Beverly Crusher. Unter anderem Übersetzungen von Filmtiteln und Phrasen wie Die Handlung ist schnell erzählt.

Mittwoch, 21. Juni 2006

Vor dem Bachmann-Wettlesen

gibt es schon mal Zeitungs-Hype, z. B. ein ganz seltsames Interview mit Clemens Meyer, der u.a. sagt: Und selbst mit Stipendien ist es schwer für mich. Wegen meinem Hund, einem Rottweiler-Dobermann, ein ganz liebes Tier. Ich musste neulich ein LCB-Stipendium ablehnen, weil die meinen Hund nicht haben wollten. Ist sowieso ein komischer Verein, das LCB. Günter Grass kriegt Millionen, wenn er da liest, ich bekomme nicht mal ein Taxi bezahlt! Grass kriegt bei seinen Lesungen dort sogar immer eine Flasche eines speziellen Korns serviert. Der trinkt zwei Gläser und lässt die Flasche dann stehen. Immerhin habe ich nach meiner Lesung im LCB den Korn von Günter Grass getrunken.

Kommentiert wird der ganze Wettbewerb von Anobella, hat sie versprochen. ("In die Hand", würde Hanns-Dieter Hüsch noch dazusetzen.) Das ist gut, dann muss ich nicht selber zusehen. Ich fand's nämlich immer langweilig. Die meisten Autoren können sowieso schlechter laut lesen als ich leise für mich, und bei den Juroren kann ich meist auch nur den Kopf schütteln. Wer war das, der vor ein paar Jahren in der Zeitung blätterte, als ein Autor vorlas? Den hätte ich achtkantig rausgeschmissen, wenn ich Jury-Vorsitzender gewesen wäre. Hier findet man die Liste der Autorinnen und irgendwo kann man sich auch die Texte runterladen und mitlesen. (Angelika Overrath ist auch dabei - kommt aus Karlsruhe und hat sehr schöne Essays geschrieben.)

Montaigne über Sloterdijk

Aus gegebenem Anlass blättere ich wieder in Montaigne. Und finde wieder was, was auf Cicero gemünzt ist, aber gut zu Sloterdijk passt:

Wenn ich eine Stunde darauf verwendet habe, ihn zu lesen, was für mich schon viel ist, und mir dann klarzumachen suche, was ich denn an greifbarem Gewinn verbuchen könnte, fasse ich meist nur Wind; denn bis zu den seinem Anliegen dienlichen Argumenten, bis zu den Begründungen, die den Kern der Sache berührn, auf den ich doch aus bin, ist er noch gar nicht vorgedrungen.

Und wird er auch nicht vordringen. Buch zu!

Dienstag, 20. Juni 2006

Da hat er recht,

der Jan Seghers:

Nachdem nun die Vaterlandsliebe wieder einen Großteil der Hirne und Blätter füllt, will auch der dumpfe Thomas Brussig Tritt fassen und zeigen, dass er das Herz auf dem rechten Fleck trägt: „Ich bekenne: Auch ich habe gesungen und die deutschen Farben stundenweise im Gesicht getragen. Vermutlich werde ich es wieder tun. Eine Stimmung hat mich erfasst.“ Alle Mann in Deckung! „Aber dass der Satz ‚Ich bin stolz ein Deutscher zu sein’ nicht mehr automatisch bedeutet ‚Ich bin stolz, ein Rechter zu sein’, ist doch schon mal was.“ Aber was eigentlich? Auf jeden Fall ein womöglich folgenschwerer Irrtum.

Freitag, 16. Juni 2006

Eine Herde Perlhühner

lief vorbei, die Masochisten der Savanne: Droht Gefahr, schreien sie, statt sich zu verstecken, und kommt ein Auto, warten sie, bis es da ist und überqueren dann die Straße. Auf einer Strecke von 100 Kilometern in Afrika, schätzte Doc Hans, sterben mindestens fünf Perlhühner durch Selbstmord. Aber hübsch sind sie. Kaffeewärmer aus Pepitastoff auf Beinen.

gefunden in: Axel Thorer: Unter dem Nachrichtenbaum. LangenMüller Verlag

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