Rezensiertes

Montag, 10. Juli 2006

Befreiung aus dem selbstgebastelten Käfig der Gefühlseinsamkeit

Sentimental – das ist oft ein Vorwurf. Eigentlich heißt es nur: voller Gefühl. Und das ist doch nicht schlecht in einer Zeit, in der das „Funktionieren“ im Vordergrund steht, der tadellose, reibungslose Ablauf einer gefühllosen Welt. Da kann etwas „Sentiment“ doch nur ein gutes Gegengift sein.

So muss man auch Peter Stamms neuen Roman, „An einem Tag wie diesem“, lesen. Er erzählt von einem Schweizer Lehrer, Andreas, der in Paris lebt, lustlos unterrichtet, lustlos lebt, lustlose Freundschaften und ziemlich lustlose Liebschaften unterhält, die nach der Uhr laufen: „Andreas liebte die Leere des Morgens“ ist der erste Satz, der ihn so richtig charakterisiert. Irgendwie weiß er, dass er nichts mehr zu erwarten hat, dass nichts mehr kommt in seinem Leben. Eigentlich könnte er sich umbringen, und tatsächlich träumt er manchmal, dass er spurlos verschwindet. Und nicht einmal vermisst wird.

Aber dann passiert etwas, das ihn einen recht seltsamen Aufbruch probieren lässt: Er liest eine Liebesgeschichte, einen kleinen, etwas kitschigen Roman, in dem er sich selbst wiederzuerkennen glaubt, sich selbst und seine Beinahaffäre mit Fabienne, einem Au-Pair-Mädchen, das er als Jugendlicher kennengelernt und einmal geküsst hatte. Sie heiratete dann einen anderen. Und: Andreas wird krank, ein hartnäckiger Husten will nicht mehr verschwinden, und er geht zum Arzt. Aber aus Angst vor der Diagnose, die in seinen Augen nur das Schlimmste bringen kann, holt er sich nicht die Resultate ab. Hals über Kopf kündigt er fristlos (es sind eh gerade Ferien) und verkauft seine Wohnung in Paris. Er kauft sich, sentimental wie er ist oder gern sein möchte, ein 2 CV und fährt mit seiner neuesten Geliebte, Delphine, einer viel jüngeren Kollegin, in sein Heimatdorf und zu Fabienne.

In langen Rückblenden erfährt der Leser auf dieser Reise von Andreas’ Versuchen, mit Fabienne eine Liebesbeziehung einzugehen. Er scheitert schon nach dem ersten Kuss an seiner völligen Unfähigkeit, seine Liebe zu gestehen: „Er brachte kein Wort heraus, nur ein Krächzen. Fabienne fragte, ob er etwas gesagt habe. Nein, sagte er, er habe einen rauhen Hals.“ In lang ausholenden Bögen erzählt Stamm auch das restliche, trostlose Leben von Andreas, seine Sehnsucht nach Liebe, sein Leben im selbstgewählten Stumpfsinn. Als wenn er dazu verurteilt wäre. Auf einer Deutsch-Lehrkassette hört Andreas einen Mann seinen Tagesablauf erzählen: Früh aufstehen, zur Arbeit fahren, abends fernsehen und zeitig zu Bett gehen. So öde ist am Anfang des Romans auch sein eigenes Leben beschrieben worden. Schließlich sieht er auch Fabienne wieder und weiß danach immer noch nicht, ob, wie er so pathetisch gemeint hat, alles anders geworden wäre, wenn sie sich wirklich gefunden hätten.

Stamms dritter Roman ist eine aufregende Lektüre, vor allem, weil er nicht aufgeregt erzählt. Ganz ruhig beschreibt er das grausig gefühlskalte Leben, das Andreas führt, die pubertäre Wut, mit der er in seinen Beziehungen herumfuchtelt und sie knapp beendet, wenn es ihm gerade einfällt. Nicht einmal einen Freund hat er: „Du bist allein, egal, mit wem du zusammen bist“, sagte eine seiner Geliebte scharfsinnig. Umso eindringlicher wirkt der Erzählgestus, weil Andreas gar nicht merkt, wie schlecht es ihm geht, wie sehnsüchtig er ist, wie wenig er auch Delphine versteht, die sich um ihn kümmert, mit ihm in die Schweiz fährt und sich viel gefallen lässt, bis auch sie ihn verlässt. Fast analytisch sezierend, in bewegenden und sehr lebendigen Bildern beschreibt er Andreas’ Kindheit, seinen Bruder, der im Heimatdorf lebt, die Beziehungsunfähigkeit und Gefühlseinsamkeit, in der Andreas lebt. Unterkühlt und doch gefühlvoll, mit präzise gesetzten und nie aufdringlichen Symbolen, meisterlich gekonnt erzählt Stamm die tiefe, bittere Ironie dieser Geschichte: dass sich einer in der eigenen Einsamkeit einrichten kann, dass einer ein ungelebtes Leben übersteht, dass einer alles Lebenswerte verpasst und doch normal erscheint.

Und so ist auch das Sentimentale nur ein Aspekt der philosophischen Tiefe dieses Romans, die Stamm lakonisch, fast schmucklos und alltäglich präsentiert. Und die Fallen, die solche Sentimentalität, solche Gefühlskraft beinhalten, stets vermeidet: Sogar am Schluss, als Andreas und Delphine sich doch noch umarmen, „so fest, dass es wehtat“, selbst da wird man nicht darüber aufgeklärt, ob er nun doch Krebs hat oder nicht. Es ist nicht mehr wichtig: Er hat sich aus seinem selbstgebastelten Käfig befreit. Wie lange sein Leben nun noch dauert, ist egal: Es hat eben erst, wieder einmal, angefangen.

Peter Stamm: „An einem Tag wie diesem“. S. Fischer Verlag, 206 Seiten. 17,90 Euro

Dienstag, 20. Juni 2006

Die Tote auf der Couch. Jean-Pierre Gattégno schreibt über einen trotteligen Psychoanalytiker

Der Mann ist ein Trottel. Man kann es kaum anders ausdrücken. Er ist französischer Psychoanalytiker, und kein besonders guter: Immer wieder schläft er ein, wenn „seine Neurotiker“ - eine masochistische Kleptomanin, ein „Schnellschießer“, eine verklemmte Mathematiklehrerin – auf der Couch liegen und ihm sermonhaft ihre Gedanken, Assoziationen und Träume erzählen. Es ist sogar so schlimm geworden, dass seine Frau, auch eine Analytikerin, ihm sagen musste: „Für’s Pennen wirst du nicht bezahlt.“ Nun, doch, denn die Leut’ geben ihm brav immer wieder Hunderte von Francs für’s Nichtstun.

Und dann liegt seine Kleptomanin Olga auf der Couch, und er pennt wieder ein, und dann wacht er wieder auf, und Olga liegt immer noch auf der Couch, aber nun ist sie tot. Erwürgt. Was tun? Michel Durand weiß gar nicht, was er tun soll, er ist völlig verwirrt. Er versucht, sie wiederzubeleben, was ihm nicht gelingt. (Dabei beobachtet ihn seine Putzfrau, die denkt, er hätte Sex mit einer Patientin.) Polizei anrufen? Er versucht, seinen Freund Chapireau im nahegelegenen Komissariat zu erreichen, aber der ist nicht da. Er überlegt: Wird man mir glauben? Natürlich nicht. Und dann kommen die nächsten Klienten. In seiner hirnlosen Panik versteckt er die Leiche erst einmal unter der Couch. Seiner Geliebten überlegt er, folgende Nachricht auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen: „Wärhend ich schlief, wurde eine Patientin erwürgt - kann sein, dass ich der Täter bin – liefere mich der Polizei aus – begehre dich nach wie vor – Michel.“

In diesem Stil geht es durch den ganzen Roman. Durand ist und bleibt trottelig. Seinem Supervisor, dem uralten Zlibovic (!), der Freud und Lacan noch gekannt hat, erzählt er von der Sache, aber der kann ihm auch nicht raten. Seine Patienten spüren die seltsame Atmosphäre und machen laufend Anspielungen. Denkt er. Natürlich steht auch noch Olgas Auto vor der Tür und lässt sich nicht wegbewegen, weil die Batterie eingefroren ist. Und dann ist da noch der Arbeitslose Herostrat, der im Viertel herumstreunt und Andeutungen macht. Oder versteht Michel das alles falsch? Versteht er, weil er Psychoanalytiker ist, hinter allem, was gesagt wird, immer noch etwas anderes? Oder überhaupt etwas ganz anderes?

Eines Nachts, als er betrunken heim kommt, hat er einen wüsten Traum. Er wacht auf und merkt, dass er sein Kopfkissen würgt. Als ihn seine Geliebte anspricht, ist das einzige, was ihm einfällt, nachzusehen, ob sie auch solche Strümpfe anhat wie Olga. Als er die Tote in seinen Wagen schleppen will, legt er eine 1-a-Slapsticknummer hin, um die ihn Buster Keaton beneidet hätte. Schließlich wird auch noch Olgas Mann, der ihn besuchte und bedrohte, erschossen, als er gerade in dessen Villa ist. Und es fehlen 7 Millionen Francs. Ein kunterbuntes Durcheinander.

Es ist sehr schön, einmal einen Psychoanalytiker zu erleben, der nicht wie in den meisten Filmen und Romanen der Allwissende ist, die graubärtige Eminenz, die noch den letzten Traum entschlüsseln kann. Ganz im Gegenteil: Hier ist ein Analytiker, der gar nichts versteht. Mehrfach gerät er in Verdacht, wird vorgeladen und verhört, überlegt sich voller Panik, was er jetzt wieder falsch gemacht hat, bittet auf dem Friedhof Père Lachaise, wo er Olga vergraben will, einen nächtlichen Passanten, ihm zu helfen: Es geht alles schief. Nichts wird aufgeklärt.

Ist das der Zustand der Psychoanalyse? Neidische Analytiker, die über die amerikanischen Kollegen herziehen, weil die sich gegen schlecht behandelte Patienten versichern lassen und sich Sorgen um einen Fluchtweg vom Sessel zur Tür überlegen? Geldgierige Analytiker, die sich enorme Summen bezahlen lassen für nichts und wieder nichts? Einschlafende Analytiker, die überhaupt nicht interessiert, was die Patienten da von sich geben? Patienten, die auch nicht zu interessieren scheint, was mit ihnen gemacht (bzw. nicht gemacht) wird? Am Schluss heißt es: „Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wie ein Psychoanalytiker gesprochen zu haben.“ Soll man das glauben? Ich hoffe, der Roman ist eine Karikatur der Psychoanalytiker. Ich fürchte, es ist keine.

Abgesehen von dieser bitteren Erkenntnis: Der Roman liest sich sehr locker, ist in seinen Verästelungen und Verirrungen des armen Analytikers, dem niemand helfen kann, witzig und leicht geschrieben, bietet ständig Überraschungen, ist gut beobachtet. Geschrieben ist er aus der Ich-Perspektive, sodass man dem von sich, den Patienten und seinen Frauen, das heißt: vom Leben völlig überforderten Mann gut folgen kann. Eine nette, kleine Lektüre. (Was allerdings der schwachsinnige und völlig sinnlose Titel soll, wird einem niemand je erklären können.)

Jean-Pierre Gattégno: Schnee auf den Gräbern. Btb-Taschenbuch 1999, 254 S., 8,50 Euro

Freitag, 2. Juni 2006

„Ein Tablett voll glitzernder snapshots.“ Arno Schmidt in Marbach

„Ein Autor?: ist Derjenige, dem ‚ein Stock im Petticoat’ beim Anblick dessen einfällt, wozu ein Leser zeitlebens ‚Schirm’ sagt.“ Meinte jedenfalls Arno Schmidt. Und so fiel ihm „endlosgrün“ ein, „irrheidnisch“ oder: „der Regen perkutierte leiser mein Schädeldach; der Blutstrom golfte“. Er erfand sich eine neue Interpunktion und Rechtschreibung, die seinen Empfindungen und Assoziationen viel angemessener war: „Wer ruft’nn hier, zu nacktschlâffnder Zeit, so lange an?“ Und machte damit die Sprache wieder offener, empfänglicher für Eindrücke und freies Denken.

In einer großen Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach wird dieser große, eigenwillige Nachkriegsautor jetzt umfassend gewürdigt. Natürlich geht es vor allem um die Biografie, die Schmidt selbst als unterbrochen und diskontinuierlich empfunden hat: „Mein Leben?!: ist kein Kontinuum! (nicht bloß durch Tag und Nacht in weiß und schwarze Stücke zerbrochen! Denn auch am Tage ist bei mir der ein Anderer, der zur Bahn geht; im Amt sitzt; büchert; durch Haine stelzt; begattet; schwatzt; schreibt (…)): ein Tablett voll glitzernder snapshots.“

Ein paar dieser Snapshots hat die Bargfelder Arno-Schmidt-Stiftung in sechs Räumen zusammengestellt, ein paar wirklich schön glitzernde Facetten. In einem gebrochen verwinkelten Parcours treppauf, treppab geht es mit Fotos, Dokumente und Büchern von der Geburt in Hamburg über den Krieg und die Nachkriegsnot bis zum Hauskauf in Bargfeld in der Lüneburger Heide, wo er die letzten 20 Jahre seines Lebens mit seiner Frau Alice und vielen Katzen verbrachte und fleißig schrieb. Viele Fotos zeigen Schmidt: als Soldat im Weltkrieg, beim verbissenen Rudern auf dem Dümmer, beim schweißtreibenden Mähen seiner Wiese in Bargfeld, oder wie er genüsslich in eine Knackwurst beißt oder mit einem Stück Kuchen kämpft. Dokumente sind zu sehen: eine Nachricht aus dem Kriegsgefangenenlager, sein Briefwechsel mit der irischen Botschaft, als er auswandern wollte (kurioserweise auf deutsch), seine systematischen Überlegungen zum Hauskauf, bei dem sogar Katze Purzel ihre Placet gab: „Miau!“.

Und natürlich, zum Schluss, die Zettelkästen, die er selbst gebastelt hat, Schreibmaschinen und Lupen und die vielen aus Zeitschriften und Bekleidungskatalogen herausgerissenen Anregungen für seine Gestalten: Suse Kolderup, „hochgestiefelt; schwarzer Rock, schwarzbrauner Pulli, (& dessn KnopfReihe gleich vom Kehlkopf zum Nabl!“. Und so manch Kurioses: ein korkengroßes Würfelspiel, ein winziges Hausmodell, eine aufgebogene Klammer, und dazu immer das passende Zitat: „(wenn sich eine Briefklammer derart sperrt, das soll man achten). (Oder ‹ehren›? Nee; ehren nich. Aber achtn.)“ Hier sprechen nur noch die Gegenstände. Sie reden sachte von den vielen winzigen Anregungen, die Schmidt aus dem Alltag übernommen hat, die bei ihm Literatur geworden sind: „Über alles schreibm zu müssen“. Kein Kopfautor, ein sinnlicher, sinnlich angeregter.

In den Seitenräumen, die dem Biografieparcous angegliedert sind, glitzern weitere Facetten. Eine fast meditativ gelöste Stimmung herrscht in dem dunklen Raum, in dem ein paar von Schmidts Landschaftsfotos ausgestellt sind, stille, detaillierte, liebevolle Bilder, und eine Stimme liest einige der schönsten Beschreibungen dieses Naturlyrikers vor. Der Kontrast ist ein kaltblauer Multimediaraum mit drei Bildschirmen: Filme aus Schmidts Zeit, Ausschnitte aus Dokumentarfilmen, politische Reportagen, dazu bösartige, pessimistische, manchmal verzweifelte Kommentare: Eine Ordensverleihung der Nazizeit, „Gott ritt auf einem Bombenteppich.“ Ein ruhiger Raum stellt literarische Vorbilder vor, Fouqué, Wieland, Jules Verne oder Karl May, seine berühmten Radioessays und ein Fernsehinterview, die man sich anhören und ansehen kann, in aller Ruhe, mit viel Zeit. In einem rotsamtenen Türmchen ist eine Peepshow aufgebaut: ein „pornografisches Lachkabinett“: Schmidts „Stellen“, die erst, wenn man den Kopf in die Öffnung gesteckt hat, als Text und Hörbeispiel ablaufen. Und das sind nicht gerade wenige, kaum ein Autor hat schon in den 50er Jahren so offen über Sex geschrieben. Und im "Elfenbeinturm" darüber, in den man über eine enge Wendeltreppe kommt, hört man erheitert einige von seinen berühmt-berüchtigten „Ich“-Sätzen: „Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“ Am Ende der Ausstellung kann man sich Manuskriptseiten und Zettel ansehen, einige Anspielungen entschlüsselt bekommen, merkt auch, wie selbst- und geschichtsbewusst Schmidt manches für die Nachwelt präpariert hat. Auf einem Blatt Papier steht: „Wichtig! Da altes Schreibpapier von 1946 aus dem Formular-Kasten der ‚Eibia’ in Benefeld“. Oder, selbstironisch, auf einem Etikett seines bevorzugten Schnaps: „Während der Niederschrift stark benützt“.

Es ist in Marbach also tatsächlich „ein Tablett voll glitzernder snapshots“ aufgebaut, in einer schönen, rhythmisch gegliederten, anregenden Ausstellung: ein wahres Prunkstück für Marbach, wenig papiern, mit technischen Hilfsmitteln, die man gar nicht bemerkt. Natürlich fehlt auch viel, wird nur erwähnt, wie seine Freundschaften mit Andersch, Michels oder Wollschläger. Man kann eben nicht alles ausstellen. Aber am meisten fehlt doch ein wenig die systematische Hinführung zum Werk selbst. Einige gründliche, vielleicht exemplarische Hinweise auf seine Arbeitsweise: Wie hat er die Wirklichkeit in Literatur verwandelt? Was waren seine Themen? Was steckt alles in seinen Nebenbemerkungen, Seitenhieben, Zitaten? Wieso blieb er so ein Einzelgänger, wenn doch die Ausstellung einen so humor- und phantasievollen Menschen vorstellt?

Aber das Wichtigste ist vielleicht doch: Man wird in Marbach mit einem verletzlichen, sensiblen und vielschichtigen Menschen bekannt gemacht. Man wird, auch wenn man noch nie etwas von Schmidt gelesen hat, der als „schwieriger Autor“ gilt, angeregt, seine Bücher zu entdecken, wird sich von seinem Humor, seiner Ironie, seinen Bösartigkeiten und seiner Wortkunst faszinieren lassen.

(Bis zum 27. August. Deutsches Literaturarchiv Marbach. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Mittwoch 10 – 20 Uhr, an Feiertagen 10 bis 18 Uhr) Siehe auch unter DLA Marbach

Verwickelte Handlung, gebrochene Charaktere

Carl von Holteis Krimi „Schwarzwaldau“ ist nach 150 Jahren neu aufgelegt worden und überzeugt immer noch

„Books on demand“ ist eine Firma bei einem Buchgroßhändler, bei der man für Geld sein eigenes Buch verlegen kann. Einfach aufschreiben, Text auf Diskette und Geld hinschicken, Buch fertig. Das meiste, was dort so erscheint, sind Ergüsse von Hobbypoeten oder Menschen, die meinen, sie hätten sonst etwas Wichtiges zu sagen. Literarische Texte, die dort erscheinen, sind meist (aber nicht immer) von minderer oder gar keiner Qualität. Die professionelle Literaturkritik sieht sich solche Bücher gar nicht erst an, sie vertraut auf die Spürnase von Verlagen, die schlechte Texte schon mal aussortiert. Was ja leider auch nicht immer stimmt. Manchmal muss man aber die Regel, „books on demand“ nicht zu beachten, auch brechen. Wenn es sich nämlich um einen 1.) wichtigen oder 2.) guten Text handelt. „Schwarzwaldau“ ist beides. Aber dazu muss man vielleicht ein wenig ausholen.

Nach landläufiger Meinung beginnt die deutsche oder deutschsprachige Krimitradition irgendwann in der Weimarer Zeit, Friedrich Glauser fällt einem sofort ein, ein paar andere nach etwas Überlegen und Suchen. Vieles wissen wir gar nicht mehr, vieles ist verbrannt, vieles vergessen worden. Und davor? Da gab es nur ein paar Klassiker, die manchmal auch in der Schule vorkommen, Schillers „Geisterseher“, Fontanes „Unterm Birnbaum“, der Droste „Judenbuche“, E. T. A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“. Ansonsten, meint man, gab es den deutschen Krimi nicht. Ansonsten, meint man, spielte sich der Krimi vor allem in angelsächsischen Gefilden ab: Poe, Wilkie Collins, Conan Doyle etc.

Das ist aber ein Vorurteil, gegen das nur wenige protestieren. Aus Kenntnismangel kann man das auch meist gar nicht. Weit und breit gibt es keine ordentliche Geschichte des Kriminalromans, über einige wenige verstreute Aufsätze ist die Germanistik noch nicht herausgekommen. (Was daran liegt – wie Jochen Vogt, einer der wenigen Professoren, die sich um dieses Genre kümmern, einmal gestand – dass die Beschäftigung mit dem Kriminalroman im universitären Bereich nicht gerade karrierefördernd sei.) Der bekannteste Widersprecher war Arno Schmidt, der Krimis eigentlich gar nicht mochte (und wahrscheinlich so viel gar nicht gelesen hat), aber 1965 in seinem Essay „Enter Conte Fosco“ angeberisch sagte: „Wer mich nach unserm besten deutschen Krimi fragt, dem entgegne ich immer: ›HOLTEI, Schwarzwaldau.‹ – und dann sitzen wir einander halt gegenüber, ich & die Herren vom Colt; (Prag 1855, 2 Bände übrigens: 1 Gratis=tip für Taschenbuchverleger).

Auf Arno Schmidts Spuren bewegt sich jetzt Dieter Paul Rudolph. Auf seiner Homepage bietet er einige Texte aus dem 19. Jahrhundert an, die er als frühe Kriminalromane bezeichnet und von denen man wohl noch nie gehört hat: J.D.H. Temme, Benno Bronner und Adolf Streckfuß, Auguste Groner und Ernst von Wildenbruch. Zum Herunterladen, einiges davon wird auch in einem angekündigten Jahrbuch „Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts“ erscheinen (mit einem sehr hübschen illustrierten Einband des bekannten saarländischen Illustratoren und Künstlers Raphael Wünsch).

Und eben Carl von Holtei mit seinem Roman „Schwarzwaldau“: Anfang dieses Jahres hat Rudolph diesen „besten deutschen Krimi“ publiziert, allein, ohne Geldgeber. Und um das Risiko möglichst klein zu halten, hat er sich als Publikationsform „book on demand“ ausgesucht.

„Schwarzwaldau“ ist ein schillernder Roman: spannend zu lesen, witzig zwischendurch, mit pointierten Dialogen, psychologisch hintergründig, sozialkritisch und manchmal etwas gespenstisch. Er hat eine schöne Sprache, einen angenehmen, süffig lesbaren Rhythmus. Er spielt manchmal ins Düstere, weist manchmal in die Romantik zurück, manchmal, auch in der Behandlung von Metaphern und Motiven, ganz realistisch zu Fontane hinüber, der sich übrigens für sein „Unterm Birnbaum“ (1885) bei ihm bedient hat (ist das der Fontane-Forschung bekannt? Im „Fontane-Handbuch“ von Grawe und Nürnberger (2000) wird nur Holteis „Christian Lammfell“ erwähnt, und das in einem anderen Zusammenhang).

„Schwarzwaldau“ beginnt mit einem doppelten Beinahselbstmord. Sowohl Emil von Schwarzwaldau, der Herr des großen Gutes, das zwischen Berlin und Dresden liegt, als auch sein Büchsenspanner Franz beschließen in einer finsteren Nacht, sich umzubringen. Beide sind unglücklich: Emil ist von Natur aus schwermütig und in seiner trostlosen Ehe mit seiner Frau Agnes gefangen, die als spröde Person geschildert wird und gefühlsmäßig und sexuell abweisend; Franz, weil er, ein ehemaliger Adeliger, deklassiert und ins Zuchthaus abgerutscht, unglücklich in Agnes verliebt ist und keine Hoffnung mehr für sich sieht. In letzter Minute aber entschließt sich Franz, sich nicht umzubringen, nachdem er in der Nacht seinem Herrn begegnet, und verhindert auch dessen Selbstmord in letzter Sekunde. In einem langen Gespräch öffnet er sich und erzählt ihm seine ganze Geschichte. Aber es kommt dennoch zu keiner Freundschaft zwischen den beiden gleichen-ungleichen Gestalten.

Jetzt wird es verwickelt. Agnes’ Jugendfreundin Caroline, die Tochter eines sehr reichen Kaufmanns, kommt zu Besuch. Auf dem Weg nach Schwarzwaldau trifft sie an einem Teich Gustav von Thalwiese, den schläfrigen Sohn vom völlig verarmten und maroden Nachbargut. Es kommt jetzt zu einer sehr verzwickten Quasi-Fünferbeziehung. Caroline verliebt sich in Gustav, Gustav in Agnes. Emil verliebt sich auch in Gustav und ermutigt Agnes sogar, sich mit ihm einzulassen. (Die sexuellen Wirrungen sind natürlich – Mitte des 19. Jahrhunderts! – nur angedeutet. Aber deutlich genug.) Caroline reist beleidigt ab, weil sie bei Gustav nicht landen kann, und Franz ist beleidigt, weil er bei Agnes nicht landen kann, und schießt auf Gustav. Es stirbt: Agnes. Ein Psychothriller erster Güte. Die Personen verstricken sich immer mehr, stürzen immer tiefer ins Chaos, erst recht im zweiten Teil. Und am Schluss ist nur noch eine der Hauptpersonen am Leben. Kaltblütige Morde, verzweifelte Charaktere, verwirrte Menschen, eitle Kaufleute, aufflackernde Liebe, windiger Opportunismus: alles drin. Gut und Böse sind nur noch vage Orientierungspunkte in einem flackernden Universum.

Auch Holteis Sprache ist diesem Durcheinander angemessen. Düster schildert sie all die Verwicklungen, die Verwirrungen, aber ohne moralischen Zeigefinger, ohne Wertungen, so dass man sich mal mit diesem, mal mit jenem identifizieren und sie gut verstehen kann. Wie eine dunkle Nebelwand liegt die Trostlosigkeit über der Handlung, selbst wenn einmal Positives beschrieben wird. Man ahnt schon: Das kann nicht gut ausgehen. Aber wie Holtei das Ende ansteuert und über viele Seiten verfolgt, das ist schon meisterhaft. Seine Spannungsbögen, seine Verflechtungen der verschiedenen Handlungsstränge sind solide, die retardierenden und bescheunigenden Elemente erstklassig gesetzt.

Dabei bleibt er, auch wo er nur andeutet, immer klar, hat seine Satzperioden im Griff, weiß genau, was er will. Hier findet man keinen romantischen Kitsch, keine überladenen Bilder, keinen symbolträchtigen Firlefanz. Wie Fontane setzt Holtei seine Wegmarken, klar und deutlich, präzise und gleichzeitig sehr gefühlvoll. Er beschreibt – in der Nachrevolutionsära, in der alles, Politik, Wirtschaft, Psychologie, auf die Übermacht Preußens zusteuerte – wacklige, vorsichtige, ängstliche menschliche Beziehungen, die immer wieder scheitern: Denn die Verhältnisse, die sind eben nicht so. Und Holtei weiß auch, dass man sich selbst und seine Umwelt fast planmäßig zugrunde richten kann, wenn man nur ordentlich will oder sich einfach treiben lässt. Aber das kommt in diesem Roman nicht als moralisches Programm. Sondern es zeigt sich von selbst, je weiter die Handlung sich entwickelt.

Lange war eine Neuauflage überfällig. Jetzt könnte die Forschung richtig losgehen. Aber wo ist eine Universität, die Herrn Rudolph ein Forschungsstipendium gibt? Nein, bestimmt nicht in Deutschland, wo man immer noch meint, dass es zwar eine angelsächsische, aber keine deutsche Krimitradition gibt.

Carl von Holtei: Schwarzwaldau. Hrsg. v. Dieter Paul Rudolph. Book on demand, 312. S., 24 Euro

Zu bestellen in jeder Buchhandlung und (porto- und versandkostenfrei) direkt beim Herausgeber: dpr@hinternet.de oder über seine Homepage >>> www.alte-krimis.de

Sie muss lernen, mit ihren Schatten und Dämonen zu leben.

Oliver Bottini hetzt den Leser seines zweiten Krimis durch viel Befindlichkeitskitsch

Schwarzwaldklinik und Bollenhut? So idyllisch, wie es die Fremdenverkehrsvereine wollen, ist der Südwesten auch nicht mehr. Denn plötzlich brennt ein kleiner Schuppen auf einem Feld bei Kirchzarten. Als die Feuerwehr kommt, explodiert er, ein Feuerwehrmann stirbt: Unter dem Schuppen war ein großes Waffenlager versteckt. Und dann trifft Louise Bonì bei der Spurensuche im Wald auf zwei Männer, deren Sprache sie nicht versteht: junge Südosteuropäer. Sie wird angeschossen. Und dann taucht ein Mann aus dem Nichts auf, bis zur Unkenntlichkeit vermummt, der ihre Wunde versorgt und wieder im Nichts des Waldes verschwindet.

Waffenschmuggel. Ex-Jugoslawien. Oder ein Lager von Islamisten? Pakistani? Attentäter? Alte Nazis, neue Nazis? Die Handlung in Bottinis neuem Roman „Im Sommer der Mörder“ ist sehr verwickelt, die Spuren führen mal hierhin, mal dorthin. Klar scheint nur, dass internationale Banden daran beteiligt sind, böse und gute Geheimdienste und Politiker und ein paar naive Menschen, die ja nur helfen wollen. Und deswegen bleibt es nicht eine Aufgabe der Kriminalpolizei Freiburg, deren verschiedene Abteilungen zusammenarbeiten müssen, sondern es wollen auch noch andere Dienste mitmischen: der BND und das BKA. Vielleicht sogar der CIA.

Endlich ein Krimistar: Oliver Bottini. Alle jubeln: Origineller, guter Plot, stimmige Sprache. Deutscher Krimipreis fürs Debüt. Und jetzt hat er eine Fortsetzung seines Romans „Mord im Zeichen des Zen“ geschrieben. Aber so gut wie der erste ist der zweite lange nicht. Zunächst der Plot: Der ist so verschachtelt und kompliziert aufgebaut, dass man die Verwicklungen kaum noch mitverfolgen kann. Man komme jetzt nicht damit, dass die Protagonistin, aus deren Perspektive das Ganze erzählt wird, selbst nicht durchsteigt. Oder dass das politische Leben eben so verwickelt ist. Das ist nur eine Ausrede.

Dann die Hauptpersonen. Die eigentlich nur eine ist: Louise Bonì, die Kommissarin. (Alle anderen spielen fast immer nur Stichwortgeber.) Bonì wird so stereotyp geschildert, dass es einem nach spätestens fünfzig Seiten reichlich auf die Nerven geht. Wie das jetzt im Kriminalroman Vorschrift ist, ist sie eine gebrochene Person, hat viele, viele persönliche Probleme, die seitenweise ausgebreitet werden und die mit dem Fall und der Handlung nicht das Geringste zu tun haben. Wie gesagt: Das ist inzwischen Vorschrift für den avancierten Kriminalroman.
Und so ist Bonì verantwortlich für den Tod eines Menschen, sie ist Alkoholikerin, bis ihr Chef sie beurlauben musste. Sie war dann einige Monate in einem Zen-Kloster und ist jetzt trocken. Zudem hat sie einen französischen Vater, den sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und gesprochen hat. Und sie hatte einmal einen Bruder, der vor vielen Jahre gestorben ist. Das ist alles ein bisschen viel auf einmal, kein Wunder, dass die Kommissarin ein wenig verstört ist. Und der Leser auch ein wenig verstört zurück bleibt. Denn es ist sehr wenig glaubhaft, wie Bottini das alles beschreibt. Er legitimiert noch jede unsinnige Wendung damit, dass Louise Bonì eben nicht recht durchblickt. Politisch nicht, kriminaltechnisch nicht und persönlich schon gleich gar nicht. Denn er versucht zwar, sie als eine sehr sensible Person zu schildern. Aber sie bleibt bei all dem Persönlichen, was man erfährt, trotzdem blass und blutleer. Das liegt an der so wenig sensiblen Sprache. Dazu später.

Natürlich ist der böse Ami schuld. Übrigens der böse Ami, dem sie vertraut, ohne überhaupt zu wissen warum. Ja, so sind die Amis, will uns Bottini sagen: Kaum traut man einem, ist er doch der Böse. Bis man sich bis dahin durchgewurschtelt hat, präsentiert Bo(tti)nì viele mögliche Antworten, viele Gerüchte, viele Informationen, die sich manchmal als bloße Irrtümer, falsche Schlussfolgerungen, manchmal aber auch als böswillige Desinformationen herausstellen. So ist halt das Leben: Keiner blickt durch, lernt man aus diesem Roman. Auch das ist ein wenig arg platt. Bonìs Fazit ist: „Hängt es nicht alles irgendwie zusammen?“ Tja, allerdings. Irgendwie.

Diese vielen inhaltlichen Unsicherheiten und Unklarheiten könnte man vielleicht noch verschmerzen, könnte den Roman als Durchgangsstation zum dritten, wieder in sich stimmigeren Roman werten. Aber da ist auch noch Bottinis Sprache. Weit entfernt davon, neu und frisch zu sein, wie manche Kritiker behaupten, ist sie über weite Strecken schablonenhaft wie die meisten Personen, wie ihr geheimnisvoller Retter und manche ihrer Kollegen. Viele von ihnen bleiben schemenhaft angedeutet, nebelig unklar, wie der mit einer Japanerin verheiratete Zen-Buddhist Richard Landen, mit dem sie so gerne schlafen würde und der über den Zen-Buddhismus auch nur Gemeinplätze von sich gibt. Wie redet Bonì von ihrer Sucht? Das sind immer „lauernde Dämonen“. Und zwar nicht nur einmal, sondern phrasenhaft immer gleich. Wer wirklich wissen will, wie man das Innere einer Alkoholikerin literarisch umsetzt, sollte A.L. Kennedys „Paradies“ lesen. Bei Bottini bleibt diese Facette von Louises Leben mehr als platt. Recht häufig versteigt er sich auch zu solchen Drewermann-artigen Gutmensch-Sentenzen: „Almenbroich hatte Recht. Obwohl sie sich so verändert hatte, blieb sie, was sie gewesen war.“

Im Schlussteil wiederholt Bottini alle paar Seiten, dass sowohl Bonì als auch ihr Kollege Thomas Ilic für die multinationale Arbeit am besten geeignet sind, weil sie selber multinational sind: sie französisch-deutsch, er kroatisch-deutsch. Selbst wenn das stimmen sollte, was bei gesundem Menschenverstand zu bezweifeln ist: Das hatte man längst schon beim ersten Mal verstanden, die ständigen Wiederholungen nerven gehörig. „Mal ist man deutsch, mal nicht“, heißt es ständig. So wie dieser unsinnige Satz sind viele seiner Bilder und Metaphern häufig abgedroschen und oberflächlich. So etwa, beim zufällig Aufschlagen gefunden: „Richard Landens Augen glühten. Er war unrasiert, trug Jeans und T-Shirt. Sie sah und spürte, dass er auf dem Sprung in ein neues Leben war. Aber der Abschied vom alten fiel ihm nicht leicht.“ Oder: „Ihre Schatten würden in ihr bleiben. Sie würde lernen müssen, mit ihnen zu leben.“ Das ist purer Befindlichkeitskitsch.

Bottini pflegt eine Stummelsprache, die den Leser immer weiter hetzt. Einen ruckartigen Holperstil, der kurz ist. Der treibt. Der das brüchige Leben anreißt. Das „musivische Dasein“ wiedergibt, das „Tablett voll glitzernder snapshots“, wie es Arno Schmidt mal genannt hat. Bottini verstärkt das Gehackte noch durch viele Absätze, die den Lesefluss weiter zerreißen. Das mag noch stimmig sein, um Bonìs zerhacktes Empfinden und ihr assoziatives Denken zu charakterisieren. Aber man merkt doch schnell, dass Bottini zu einem schwingenden Rhythmus und stimmigen Sprachbildern gar nicht fähig ist. Und das klingt bei ihm dann immer so: „Sie musste schmunzeln. Sie waren im selben Jahrzehnt kulturell geprägt worden, das schlug manchmal durch. Sie begann, sich sehr wohl zu fühlen. Die Musik vermittelte ihr ein Gefühl von Heimat.“ Da ist dann ganz schnell gar kein Gefühl mehr in der Sprache, keine Musik und keine Heimat.

Und immer wieder, mit einer stupiden Stereotypie, die den Leser nicht ernst nimmt, sondern ihn mit dem Holzhammer bearbeitet, verfällt Bonì in private Assoziationen, die wohl ihre große Sensibilität und ihre Verstörtheit andeuten sollen. So wie bei ihrem Besuch bei Landen: „Sie hielt das (Espressotässchen) am Rand, den Henkel hätte sie vermutlich abgebrochen. Sie tranken im Stehen. Niksch war da und nicht da. Vielleicht war die Erinnerung an ihn nur deshalb noch so schmerzhaft, weil sie ihn damals im Wald gefunden hatte. Weil sie ihn wenige Minuten, nachdem er gestorben war, in den Armen gehalten hatte. Wenn sie ihn nicht gefunden hätte, hätte sie sich auf eine andere, schönere Weise an ihn erinnert. Wenn sie ihn nicht in den Tod geschickt hätte. Aber sie hatte ihn nicht in den Tod geschickt. Sie hatte ihn nur gebeten, auf Taro aufzupassen.“ (Taro ist der Zen-Mönch im ersten Band, Niksch ein Polizist. Häufig wird derart etwas angerissen, was jemand, der den ersten Band nicht gelesen hat, gar nicht verstehen kann. Auch kein besonders gelungener Trick, die Leute zum Kaufen auch des ersten Bandes zu zwingen.)

So wie in dieser Passage fallen Bonì ihre Verstörungen, ihre Ängste, ihre Neurosen zwischendurch immer wieder ein, gerne bei einer Hetzjagd im Wald, wenn viel action angesagt ist. Oder in der Polizeistation. Oder im Auto. Immer wieder wird überdeutlich gesagt bzw. behauptet, dass Louise Bonì ganz besonders sensibel ist, dass sie deswegen tiefer blickt, dass sie genau deswegen so verstört ist und gegen ihre Dämonen kämpft wie sonst neimand. Und das ist nun ganz besonders platt und nervig.

Bottini gelingen immer mal wieder schöne Bilder, er hat Ansätze von Plots, die spannend und glaubhaft sind. Aber er hat, das beweist er in seinem zweiten Roman, keine Sprache, die dem Inhalt angemessen wäre, penetrant flüchtet er sich in Floskeln und Befindlichkeitskitsch, die die Ansätze von Lebendigkeit, von Glaubhaftigkeit, von Charakter immer wieder zerstören. Am Stil, an der Sprache muss er noch gehörig arbeiten, um ihnen die Schwülstigkeit austreiben. Dann wird aus der behaupteten Sensibilität seiner Hauptperson eine wirkliche, auch erzählerische.

Oliver Bottini: Im Sommer der Mörder. Scherz Verlag. 460 S., 14,90 Euro. ISBN 3-502-11000-x

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Novel Dewasa | Cerita...
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novelhot - 25. Jan, 20:19
muss nicht.
Gebraucht gekauft. Und voller Erfolg ("hätte ich...
Kle (Gast) - 28. Dez, 17:13
Das tut
mir leid .... * kichert
Giorgione - 5. Dez, 12:04
danke!
wollte ich meinem Vater eigentlich nur die Tagebücher...
Kle (Gast) - 5. Dez, 10:53
das Becken
hat auch einen Bauch?
oster (Gast) - 21. Feb, 21:31
Meine Rede –
Entspannung wird überschätzt.
Kle (Gast) - 24. Nov, 20:14
die Gleichungen klingen...
wie zwei Bewegungen aus selbem Beweggrund, mit denen...
Kle (Gast) - 24. Nov, 20:12
Ich dächte so:
üben = sich öffnen = sich selbst spüren...
Giorgione - 21. Nov, 09:12

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